
Deutschlandreise 2005 Reisebericht
Am Anfang war nur die Idee -
ein guter Gedanke
Ich nahm ihn ernst -
er hat mich fixiert und
ließ mich nicht mehr los.
Mit einem Fahrrad fing alles an,
alsbald entstand Hurrastimmung.
Der Gedanke an Verzicht
schmerzt mich nicht
im Gegenteil
er macht mich reich.
ICH bin die Tour; und MEIN ist das Vergnügen
“Benne“ mein “Benne“, was bist du doch für ein tolles Weltreiserad, dachte ich, als ich am 15. Juni 2005 meine Satteltaschen packte. Mit der Hand streichelte ich den stahlgrauen Rahmen und dachte, dass sich nun bald herausstellen wird, ob “Benne“ genau das Fahrrad ist, welches auf meine Bedürfnisse zugeschnitten wurde und im wahrsten Sinne des Wortes, mir noch ans Herz wachsen sollte. Nichts ist wichtiger, denn mit diesem Rad will ich 2007, ordentlich Dampf ablassend, um den Globus radeln. Ich werde endlich meinen Computersessel gegen den Sattel meines Stahlpferdchens tauschen, dem Ruf meiner inneren Stimme euphorisch und feurigtreu, “grenzenlos“ folgen. Vorher jedoch möchte ich erst einmal ganz alleine das Herzland der Deutschen beradeln, mit aller Zeit der Welt. Das war schon lange mein Wunsch. Endlich einmal den Alltag vergessen, mich von allem auch geistigen Krempel entladen, der mich seit geraumer Zeit zu überfrachten schien. Ganz gewiss, ich werde tief in den Tag eintauchen, dort wo Deutschland am schönsten ist, herzerfrischend und grün, weit weg von zu Hause. Ich werde meinen Körper, Geist und die Seele außergewöhnlich verwöhnen, denn ich bin die Tour und mein ist das Vergnügen auf zwei Reifen.
Eine Radtour, die an Vorbereitungen (ca. 400 Briefe per Post und Email) und Umfang (kontaktieren der Städte, die ich durchfuhr) ihres Gleichen suchte. Eine unübertreffliche Gastfreundschaft und Herzlichkeit der ADFC-Dachgeber-Großfamilie wurde durch meine Tour unter Beweis gestellt. Entgegen aller Erwartungen richteten sie mir die Suite, bezogen das Bett, zauberten Radlermenüs, luden zu Grillfesten ein, nahmen mich mit zu ihren Ausflügen und Freunden, gingen mit mir ins Restaurant zum Essen und haben mich eingebunden in einen Teil ihres ganz normalen Alltages. Mit großer Dankbarkeit genoss ich das von allen entgegengebrachte Vertrauen. Natürlich werde ich das nie vergessen. Sie waren alle absolut individuell und einmalig. Ebenso einmalig auch meine Erlebnisse mit ihnen, und die von unterwegs. Mit allen Sinnen bin ich Rad gefahren. An 10 Fingern ließen sich die trüben Regenstunden abzählen. So ein unglaubliches Schönwetterglück hatte ich und das hier bei uns in Deutschland. 1000 Bilder sind auch tausend Fundstücke, eine Fotoflut von mitreißender Intensität, die meine Erinnerungen an meine 80 Tage quer durch Deutschland noch lange wach halten werden..
Dass ich dabei 1.900 Kilometer zurücklegen würde, wusste ich natürlich am Starttag, des 15. Junis 2005, nicht.
Das Ab- und Aufladen meines Drahtesels kostete mich anfangs, ohne rechten Packplan und ungewohnten Handgriffen, viel zuviel Zeit. Ich musste ja, wenn ich von der einen Radtasche etwas herausnehmen wollte, Ausgleich schaffen, damit das Gleichgewicht erhalten blieb. Doch nach einigen Tagen Übung dauerte das Aufrüsten meines Rades nur noch 10 Minuten.
Nicht an jede Begebenheit meiner Radreise kann ich mich heute noch haarklein erinnern, aber viele, viele wunderschöne Erlebnisse und Vorkommnisse sind hängen geblieben. Von denen werde ich hier an dieser Stelle berichten.
Zu den mir Eindrucksvollsten werde ich weiter ausholen. Ich vermied aus Datenschutzgründen die Namen der Dachgeber zu nennen, müsste eh’, da sie hier öffentlich erscheinen, erst um Erlaubnis bitten und das würde meine Reportage nochmals um ein viertel Jahr verzögern. Also nenne ich sie nur beim Vornamen.
Die ersten 150 Radkilometer hat mein Kilometerzähler überhaupt nicht reagiert, doch das bemerkte ich erst viel später.
Mein Webmaster, der gerade von einem Langzeitaufenthalt aus Guatemala zurück war, hatte mich am 1. Tag mit seinem Rad begleitet.
Als ich, mit guten Radkarten ausgestattet, nach meiner Verabschiedung von meinen Töchtern und Freunden mit meinem Webmaster die Weserrenaissance-Route von Bad Salzuflen über Lemgo entlang radelte, stellte ich fest, dass mir mein Gepäck, welches komplett auf dem Hinterrad lastete, viel zu viel Kraft in den Unterarmen kostete. Das konnte so nicht bleiben, dachte ich und überlegte, ob ich mir nicht in Detmold noch rasch ein paar Vorderradtaschen zulegen sollte. In Lemgo in der Fußgängerzone tranken wir einen Kaffee, und gegen Mittag wurden wir vom Bürgermeister Rainer Heller vor dem Rathaus empfangen. War das ein netter Empfang! Der Bürgermeister drehte auf meinem “Benne“ in seinem schicken hellen Zwirn eine Runde im Park und überreichte mir, mit guten Wünschen zu meiner Tour, noch einen großen Kasten Proviant. Gesundheitsriegel waren in der Dose, die wir schon im Hinterhof eines Fahrradhändlers am Bahnhof Detmold, als ich meine Radtaschen umpackte, probierten.
Am Nachmittag, auf dem Weg zurück nach Loßbruch fuhr ich allein. Mein Webmaster verabschiedete sich, und wünschte mir alles Gute und radelte zurück nach Bad Salzuflen.
Nun war ich das 1. Mal in meinem Leben mit diesem Fahrrad ganz auf mich alleine gestellt sein. Ich hatte mich, dorthin radelnd, erst mal an zwei zusätzliche Vordergepäcktaschen zu gewöhnen. Mit ihnen pedalierte ich nun meinem ersten Dachgeberziel Thomas und seiner Familie zu. Weiteres war für Heute nicht geplant.
Nach herzlichem Empfang durfte ich wählen zwischen einem Zeltplatz und einem Baumhaus-Nachtlager. (im Garten über dem Sandkasten der Kinder) Ich entschied mich für das Letztere und hatte damit gleich mein aller erstes Erlebnis. Ein Jungmädchentraum erfüllte sich. In einem Baumhaus übernachten klingt abenteuerlich! Hand aufs Herz, wer hat so was aus meiner Generation noch gemacht? Ich jedenfalls noch nie und fand mein 1 Nachtlager auf der Isomatte im Schlafsack richtig couragiert.
Neun Stunden später kündigte sich mein 2. Radreisetag an. Zwischen Detmold und Paderborn liegt der Höhenzug des Eggegebirges und wer jetzt glaubt, ich wäre dort gleich am 2. Radtag mit hängender Zunge über dem Lenker hochgeradelt, den muss ich eines besseren belehren.
Ich nahm den Bus bis kurz vor Bad Lippspringe und radelte von dort über Marienloh die Römerroute entlang, nach Paderborn, wo ich schon pünktlich um 14 Uhr, im Touristikbüro, gegenüber dem Rathaus, erwartet wurde. Zur Erinnerung machte man ein Foto vom Geschäftsführer des Verkehrsvereins Paderborn, dem Angestellten Herrn Stefan Schönweis und mir. Meine Radtaschen wurden sicher weggeschlossen, und schon radelte Herr Schönweis mit mir los. Er zeigte mir die schönsten Radwege von Paderborns und fuhr mit mir an der Pader entlang bis zum Padersee. Es war herrlich warm. Im Padersee spiegelte sich der Himmel und verzauberte diesen in eine tiefblaue Augenweide. Das Wasser reflektierte die Nachmittagssonne im See und ließ ihn abwechselnd silbrig oder blau erscheinen. Erst am späten Nachmittag ließ ich die Innenstadt Paderborn hinter mir und radelte hinaus zum Kaukenberg, zu Klemens und seiner Familie, die mich, wie alle vom ADFC-Dachgeberverband, herzlich aufnahmen und mit allem versorgten, was eine Biker-Omi an einem so heißen Donnerstag benötigte. Klemens befand sich im Anbau seiner Hauserweiterung, inmitten staubigster Renovierungsarbeiten. Trotzdem wollte er mir nicht absagen. Hierzu sollte ich erwähnen, dass ich sehr oft in das pralle Leben meiner Dachgeber eintrat und in das tägliche Allerlei eingebunden wurde: mich gerade deshalb so sehr wohlfühlte. Die Dachgeber ließen mich einfach einen Tag an ihrem Familienleben teilhaben. Wie unterschiedlich das bei 80 Unterkünften war, kann sich wohl jeder vorstellen. Es kam auch manchmal vor, besonders an heißen Tagen, dass ich beim Empfang von meiner Gastfamilie, nicht wusste, ob ich zuerst eine Dusche brauchte oder nur ein riesengroßes Glas Wasser, um es in mich hineinzuschütten.
Entlang der Wellness-Variante durch den südlichen Teutoburger Wald Richtung Bad Driburg, fuhr ich nicht allein. Ralf, ein pensionierter Radfreund aus Blomberg, wollte mich einen Tag begleiten. Die Räder schnurrten vor sich hin, die Sonne spielte mit den Wolken Verstecken. Unterwegs trafen wir, entlang der Wellness-Vatiante durch den südlichen Teutoburger Wald, zwischen Sonnenschein und Regen, immer wieder irgendwelche Radler. So wurden unsere Foto-Pausen mit netten Gesprächen gekrönt. Außerdem wechselte man Visitenkarten. Irgendwie musste ich bei der Wiedergabe meiner Dachgeberadressen nicht den allerletzten Stand ausgedruckt haben. Und so kam es, wie es kommen musste. Als Ralf und ich spätabends beim falschen Dachgeber aufkreuzten, der gar nicht mehr dort wohnte, war guter Rat teuer. Was macht eine im Nieselregen stehende Radler-Omi in der Dämmerung ohne Dachgeber?
Nun, mit so einem vollbepackten Rad schafft sie auch in Deutschland Aufsehen. In einer Straße, in der sich sonst nur Fuchs und Hase Gute Nacht wünschen, dauerte es auch nicht lange, bis die Türen der Häuser aufgingen und man neugierig aber freundlich fragte: „Woher und wohin des Weges?“. Uns wurde ein Zeltplatz auf dem Sportplatz Ahlhausen angeboten. Na prima, was will man mehr! 1 2 3 hatte sich unser eben noch anbahnendes Problem von alleine gelöst. Man schloss unsere Räder ein und die Toilettentüren auf, wünschte uns viel Spaß beim Zeltaufbau und für die bevorstehende Nacht, einen ruhigen und geruhsamen Schlaf.
Hopp, hopp, hopp, war das Zelt aufgebaut, und wir spazierten zur Feier des Tages ins Dorf. Dort feierte die Feuerwehr, und da es außer Durst nichts zu löschen gab, lud man uns zum Bierchen ein.
Am nächsten Morgen, als das Zelt über dem Fußballtor zum Trocknen hing, (es hatte in der Nacht tüchtig geregnet) kam der 1. Vorsitzende von SVRot-Weiß Ahlhausen e.V. und brachte einen riesengroßen Frühstückskorb mit Kaffee und belegten Broten. War das eine nette Überraschung! ... Mhm... mhm! Lecker!!
Nach diesem köstlichen Frühstück, eigentlich recht spät für den Radstart, fuhren wir in die Bad Driburger Innenstadt. Vom Bahnhof aus wollte Ralf zurück nach Detmold fahren. Irgendwie hatten wir noch nicht so richtig den Dreh mit dem Tageszeitplan raus. Wir klüngelten hier, pausierten da und quatschten mit jedem, der mich auf mein Unternehmen ansprach; stundenlang von Gott und der Welt. Auch mit einem Rollstuhlfahrer, der als Kirchenrestaurator von einem maroden Deckengerüst in die Tiefe gestürzt war, haben wir uns unterhalten. Ein schweres Schicksal, welches mir irgendwie die Beine lähmte und mich gedanklich noch lange beschäftigen sollte. Wenn der freundliche Rollgefährte diesen Bericht hier liest, darf er sich gerne mal mit mir in Verbindung setzen.
Gegen Mittag entschied ich, wenigstens bis Warburg den Zug zu nehmen, sonst würde ich es bis Hofgeismar bis zum Abend nicht mehr schaffen. Hier kündigte ein wolkenloser Himmel einen heißen Radlernachmittag an. Ein wunderschöner Dimel-Radweg führte mich zum Olmesberg über den Heubergweg in Richtung Hofgeismar. Bei 11% Steigung wurde “Benne“ bei dieser Bullenhitze, die auf die fast schattenlose Serpentine knallte, mit vielen Fotopausen, von Pömpel zu Pömpel geschoben. Nie mehr auf meiner Deutschlandtour hatte ich die Wasserflaschen bis auf den letzten Tropfen leer getrunken.
In Hofgeismar hatte Tom schon auf mich gewartet. Schönstes Zeltwetter veranlasste mich, auch die kommende Nacht in einer Stoffhütte zu verbringen. Die Dachgeberfamilie hatte ein riesengroßes Zelt im Garten aufgebaut, welches ich ganz allein bewohnen durfte. Am Sonntag wurde mit der kompletten Familie im Garten gefrühstückt. Einen Teil meiner schweren Fracht habe ich hier aussortiert. Die überflüssige Kleidung wollte man mir in einem Päckchen zu mir nach Hause schicken. Die liebe Oma wünschte mir alles, alles Gute zur Weiterfahrt, und Tom, ein absoluter Radprofi, bot mir an, mein Rad durch den holprigen aber herrlich schattigen Reinhardswald bis nach Immenhausen zu radeln. So hatte ich zum 1. Mal in meinem Leben Gelegenheit, auf einem richtigen Rennrad zu sitzen. Es bescherte mir ein ganz neues Radelerlebnis.
Im Ratskeller Immenhausen, wurde ich zum mehrgängigen exelenten Familienbuffet geladen. Dass das zuvor in der Immenhauser Bürgerzeitung angekündigt wurde, erfuhr ich erst, als ich von den Gästen daraufhin angesprochen wurde.
Von der Stadt wurde ich zu einem Besuch des Immenhauser Glasmuseums eingeladen. So kam ich in den Genuss, mir den Werdegang eines Glases und recht ausgefallener Gasmanufakturen anzuschauen.
Den Spätnachmittag verbrachte ich im herrlichen Wildgarten eines urgemütlichen Hauses meines Immenhauser Dachgebers Dietrich. Mein Nachtlager war heute ein komfortables und superbequemes Hochbett unter dem Giebel. Nur über eine spartanische Holzleiter konnte man dort hingelangen. Oben angekommen, lag ich wie “Prinzessin auf der Erbse“, natürlich ohne die grüne “petit pois“. Am nächsten Morgen machte ich noch zwei Fotos zur Erinnerung , klick, klick; und schon ging es mit dem Radle weiter.
Entlang der Esse, durch das Naturschutzgebiet Rothenkühler Teich, führte mein Raderlebnis nach Calden. Ich war so froh darüber, dass ich mir am Anfang meiner Tour, kilometermäßig relativ kurze Strecken plante, so konnte ich die Landschaft genießen und bei den hochsommerlichen Temperaturen ruhig öfter mal ein angenehmes Schattenplätzchen aufsuchen. Auf meinen Lippen bildeten sich nämlich kleine Bläschen, wegen der intensiven Sonneneinstrahlung und des fehlenden Lippenschutzmittels. Rita, meine Dachgeberin in Calden, gab mir Salbe. In ihrem verträumten Ökogarten, im Liegestuhl, im Schatten großer Bäumen, durfte ich ein wohlverdientes Nachmittagsschäfchen halten. Ich war nicht ihr einziger Gast. Für zwei Franzosen und mir zauberte sie, und einer ihrer Feriengäste, ein leckeres Abendmenü.
Die Deutsche Fachwerkstraße ist den Menschen um Zierenberg herum ein Begriff. Der ehemalige Postkutschenweg, führte mich direkt auf den Zierenberg. Oben angekommen, erinnert eine Skulptur “Pferd und Tränke“ die Gäste dieses schmucken Bergstädtchens an vergangene Zeiten.
Eines meiner schönsten Fotos machte ich auf dem Weg nach Mainbressen.
Hierzu stellte ich mein Fahrrad mitten in einen von der Natur zurückeroberten Feldstreifen. Ein leuchtendroter Klatschmohnteppich diente als farbenprächtige Hintergrundkulisse. Ab sofort deklarierte ich “Benne“ zum Fotostar.
Über holprige, aber einsame Feldwege, entlang sattgrüner nicht enden wollender Frühsommerwiesen, radelte ich nach Dörnberg bei Habichtswald. Dort führte mein Weg gegen Abend zum Dachgeber Andreas. Er ist Chirurg in Kassel und fährt allmorgendlich mit seinem Liegerad 1 Stunde zur Arbeit. Am heutigen Abend habe ich ihn nicht beneidet. Bei strömendem Regen, dazu noch recht spät, kam er erst heim. Ein Notpatient, wie so oft in Krankenhäusern, musste noch operiert werden. Eigentlich hatte er meinetwegen einen freien Nachmittag angemeldet. Wir hatten beim gemeinsamen Essenkochen noch eine anregende Unterhaltung. Im Wohnzimmer auf meiner Isomatte machte ich es mir in dieser Nacht bequem.
Selten stand ich so früh auf wie mit Andreas, der anderntags früh zur Arbeit aufbrechen musste. Ich glaube, wir saßen gegen 6 Uhr schon gemeinsam am Frühstücktisch. Doch das machte mir nichts aus. Der Tag war lang. Ich hatte nun viel, viel Zeit, den Habichtswald, eine wirklich ansehnliche nordhessische Waldregion, zu durchradeln. Ich wusste gar nicht, dass hier in dieser Umgebung einige Märchen der Gebrüder Grimm ihren Ursprung fanden.
Um mir in Naumburg das bekannte Eisenbahnmuseum anzuschauen, reichte meine Zeit allemal. Eigentlich gab es heute keine Führung, doch ich hatte Glück; der Leiter des Museums, Herr Ludovici, sponserte mir eine lehrreiche Sonderführung.
Wolfgang heißt mein Dachgeber in Naumburg Altstädt. Sein Zuhause erreichte ich am Nachmittag. Ein Zettel hing vor dem Scheunentor. >Ich solle mir den Schlüssel von der Nachbarin abholen>, er käme später nach Hause. Seine große Dachterrasse war ein Idealer Platz zum Karten schreiben. Täglich schickte ich an jeden meiner Enkel eine Ansichtskarte. Hanna freute sich schon immer auf den Moment am Tage, an dem sie nach dem Kindergartenbesuch den Postkasten aufschließen durfte. Wenn dort keine Karte für sie drin lag, war sie enttäuscht. Am anderen Tag gab’s dann zwei dafür. Die Post verteilte meine Ansichtskarten recht unterschiedlich. Mal dauerte es nur einen, mal zwei, manchmal auch drei Tage.
Nick und Celine standen täglich am Küchenfenster und warteten regelrecht auf den Postboten. Wie geölte Blitze liefen sie ihm entgegen, um ihm meine Ansichtskarten regelrecht aus der Hand zu reißen. Insgesamt bekam jedes Enkelkind 40 bunte Karten von ihrer Omi, die heute in einem Schuhkarton unter ihrem Bett stehen.
Fast alle Dachgeber machten mit “Benne“ eine kleine Probefahrt, leer oder bepackt wurde er bewundert. So auch von Wolfgang. Er rundete die Dorfmitte bevor ich mich am nächsten Morgen auf den Sattel schwang und Richtung Netze über Waldeck bis zum Edersee davon düste.
„Whow! Wenn das kein Blau ist, dann weiß ich’s nicht!“
Plötzlich war ich mitten im Naturschutzgebiet des Hessischen Berglandes. Rundum lauter Fahrradwege, ich staunte über die funkelnagelneuen putzsauberen Radwege. Wohltuend ließ ich meine Gedanken über den Lenker abhängen und “Benne“ über den angenehm breiten und aalglatten Weg, entlang des Edersees, gleiten, immer mit Blick auf den See.
Vöhl ist ein staatlich anerkannter Erholungsort. Bürgermeister Harald Plünnecke und Wolfgang Müller von der Ederseetouristik luden mich am Nachmittag zum Plaudern, zum Pressefoto und zum Tortenschmaus in das Landhaus Appelbaum ein. Die Familie Seifert spendierte mir zur Mittagszeit ein reichhaltiges Menü. Natürlich wusste ich noch nicht, dass ich nachmittags nochmals hier herkommen würde. Mit neuer Schirmmütze beschenkt und mit einem schicken T-Shirt, auf dem mich das Ederseelogo anlacht, radelte ich leicht übersättigt, doch ohne Gepäck die letzten 10 km nach Dorfitter. Meine Radtaschen fuhr meine Dachgeberin Ingeborg mit ihrem Auto heim. Bürgermeister Harald Plünnecke schickte am nächsten Tag einen Kleinlaster vom städtischen Fuhrpark vorbei, dessen Fahrer mich, mein Gepäck und meinen “Benne“ nach Frankenberg zum Bahnhof brachte.
Jeder, der mit dem Rad einmal Zuggefahren ist, kennt die Anstrengungen, die einem dabei bevorstehen: Rad abladen, Rad die Treppen runter tragen, Gepäck holen, Gepäck provisorisch aufladen, bis zum nächsten Aufgang schieben, Rad abladen, Rad hoch tragen, Gepäck hoch holen und wieder provisorisch aufladen, um damit zum Gleisanfang laufen! - Kommt der Zug, schaut man, wo sich der Radwagen befindet. Dort hingehastet, wird das Gepäck in den Wagen geschmissen, und das Rad ebenfalls hineingewuchtet. Ist einem das dann gelungen und der Zug setzt sich in Bewegung, hält man Ausschau nach einem geeigneten Rad-Stellplatz im Abteil. Tief luftholend knallt man sich auf den nächsten Klappsitz, ordnet sein Gepäck darunter und freut sich, dass das alles so gut funktioniert hat. Ich hatte aber auch oft Glück gehabt, dass mir andere Fahrgäste auf dem Bahnsteig oder Mitreisende im Zug bei diesen Aktionen halfen. Nie werde ich vergessen, wie mir in Salzburg auf dem Bahnhof ein junger Mann mein vollbepacktes Rad 3 komplette Treppen hoch schleppte, weil der Aufzug außer Betrieb war. Diesem Mann hätte ich das bei leibe nicht zugetraut und ohne ihn hätte ich den Zug nach München verpasst. Immerhin wog allein mein Rad 17 und das Gepäck noch mal 56 kg.
Hatte ich mich im Zug dann von den Strapazen erholt, zückte ich auch schon die Kamera und hing mit ihr an den Fensterscheiben.
In Marburg erwartete mich an diesem Tag, bei weit über 30 Grad im Schatten, ein vollgepacktes Programm. Meine 1. PATRIA Servicestation fand bei Uwe Wöll, vom Radwerk Marburg statt. Er inspizierte kostenlos meinen “Benne“, drückte mir einen Stadtplan in die Hand und schickte mich auf Schusters Rappen durch Marburgs Oberstadt. Ich kraxelte steile Treppen hoch, marschierte durch verwinkelte Gassen und erfreute mich meiner Rad- Unabhängigkeit.
Marburg an der Lahn ist eine schmucke Unistadt. Viele wunderschöne hölzerne Brücken führen über die Lahn. Ein alter Botanischer Garten liegt in der Nähe des Zentrums. Wer den Berg hinauf zum Schloss geht, kann weit in das herrliche Lahntal schauen. Später am frühen Nachmittag, als ich mich beim Radwerk zurückmeldete, erschienen auch noch die Presse „Marburger Neue Zeitung“ und ein Journalist vom Fernsehen „Hessen 3“, um mich zu interviewen. Am Abend sollte das Interview im Maintower regional ausgestrahlt werden, doch ich selbst habe die Sendung nie gesehen.
Gegen 17 Uhr war ich noch zu einem Gespräch vor dem Stadtparlamentssaal mit dem noch amtierenden Oberbürgermeister Dietrich Möller verabredet. Auch mit dem zukünftigen Oberbürgermeister Egon Vaupel, und Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer konnte ich einige Worte wechseln. Hierbei überreichte man mir noch 2 Gutscheine, Eintrittskarten für das Erlebnisbad Aquamar Marburg.
Erschöpft und durchgeschwitzt erreichte ich, bei 38 Grad im Schatten, meine Dachgeberin Angela, die nicht, wie ich zuvor annahm, oben auf dem Berg in der Nähe des Schosses wohnte, sondern unten an der Lahn, mitten im Altstadtviertel.
Meine Zahnbürste muss ich entweder verloren oder irgendwo stehen gelassen haben. Angelas Töchterchen schenkte mir eine aus ihrer Kinderkollektion mit Gieraffenmotiv. Sie steht heute als Andenken bei mir zu Hause im Glas. Angelas Mann bemühte sich, mir auf seinem Laptop den Internetzugang zu ermöglichen, was ihm auch gelang. Ich konnte endlich wieder mal ins Netz. Auch ein prima Schlafgemach wurde mir in diesem interessanten, sehr schmalen, Stadthaus angeboten.
Man glaubt ja kaum, dass man nach solch einem Tag am nächsten Morgen wieder taufrisch auf sein Radle steigen kann: keine Spur von Ermattung und sogar mit riesigem Hunger auf ein erneutes Tagesabenteuer. Man wird von Atemzug zu Atemzug immer fitter und vitaler. Nicht einmal ein einziges Gramm habe ich bisher abgenommen; dafür haben mich die Dachgeber viel zu sehr verwöhnt. Es mag sein, dass sich das eine oder andere Bauchpolster in die Oberschenkel verlagert hat und der Omi-Hintern eine etwas festere Form angenommen hat, aber ansonsten; bin ich ganz die Alte geblieben.
Der Lahn-Radweg ist für seine Schönheit bekannt. Ich hielt mich in Richtung Romshausen jenseits der Lahnberge und freute mich schon auf die Großgemeinde Ebsdorfgrund. Die “Hessische Toskana“ nennt man diese Gegend wegen ihres milden Klimas. Die Menschen hier leben hauptsächlich von der Landwirtschaft. Hier ein verträumtes Dorf, dort eine einsame Kate. In der Ferne, Kühe und Pferde auf den Wiesen. Eine traumhafte Landschaft, sehr fotogen für Ansichtskarten. Kühe, die auf den Straßen in die Stallungen getrieben werden, haben grundsätzlich Vorfahrt. Hier stehen sie noch die Bauernhöfe, die mich an meine Kindheit erinnern: mit Misthaufen vor der Scheune, einem Pferd, das aus der Stallluke wiehert und einem Wachhund, der anschlägt, wenn Radler wie ich vorbeiradeln.
Ganz idyllisch liegt auch mein Dachgebergehöft von Bernd. Mitten auf dem Hof steht zwischen Blumentöpfen eine weiße Gartenbank, Tisch und Stühle drum herum. Unter einem riesigen Sonnenschirm durfte ich zum Abendbrot Platz nehmen. Bernd stocherte im Grillfeuer, auf dem Rost dampften die Würstchen. In einem schicken, zum Feriendomizil ausgebautem Kuhstall, erlaubten mir Bernd und seine Frau zu nächtigen. „Omi a mia“! Was willst du mehr?
Durch das herrliche Lahntal führte mein Weg, immer am Fluss entlang, blau blüht der Flachs auf den Feldern von Sichterhausen bis Heuchelheim. Am Heuchelheimer See machte ich Rast und konnte einen Surflehrer beim Unterricht mit seinen Schülern zuschauen.
Durch die Gleiberger Auenlandschaft hier in Mittelhessen gelangte ich, entlang des Wassers, vorbei an friedlich grasenden Schafherden, irgendwann nach Gießen. Gießen ist Universitätsstadt, eingebettet in eine reizvolle, durch viele Radwege erschlossene Landschaft. Hier In Allendorf steht das Haus von Andreas und seinen Eltern, die sich für heute abend bis zum nächsten Tag meiner annahmen und mich liebevoll versorgten.
Weil es Ralf aus Blomberg so gut gefallen hat, ist er mit seinem Auto und seinem Fahrrad hier nach Gießen gekommen. Andreas freundliche Eltern überließen Ralf das Gästezimmer. So brauchte auch er sich keine weitere Unterkunft zu suchen. Ralf wollte noch einmal einen Tag mit mir radeln und entschied sich von hier aus mich weiter zu begleiten. Ein fröhlicher Typ, den ich gut um mich haben konnte und mit dem ich am nächsten Tag noch viel erleben sollte. Am Abend besuchten Ralf und ich ganz spontan angemeldet eine Tante von mir, die hier in Gießen wohnt. Am späten Abend zeigte uns Andreas eine phantastische Fotoshow über seine letzte Islandreise. Andreas Mutter gab uns eine Radkarte mit und zeigte mir den Weg nach Lich. Ralf machte Fotos von uns.
Durch den Lindenwald wäre ich allein nicht geradelt. Er war nicht sonderlich ausgeschildert und so haben wir beide uns ganz schön verfranzt. Ein Glück, dass nun Ralf mein vollbeladenes und ich sein leeres Rad durch den matschigen Wald fuhr. So hat es mir nichts ausgemacht. Dem Universitätsforst entronnen, radelten wir den Limes Radweg entlang; vorbei an Erdbeerfeldern zum Sattessen. Wir trafen Brummifahrer und eine Gruppe von Kindergartenkindern, die wir fotografierten. Die Kleinen durften meine Hupe ausprobieren und ich erzählte ihnen vom großen Abenteuer, welches mir mit einer Radwelttour bevorsteht. Zum Abschied trällerten sie mir ein Liedchen.
Wir hatten uns vorgenommen, ein Kloster, welches in der Radkarte eingetragen War, zu besuchen. Auf Feldeswegen daherspaziert kam ein Mönch mit zwei Begleitern. Die müssen es wissen, dachte ich mir, und fragt ihn nach dem Weg. Nun stellten wir fest, das unser Ordensbruder nur wenig Deutsch sprach und es auch schlecht verstand.
Nicht zu glauben; er lud uns zu sich nach Hause ein. Hier merkten wir schnell, dass wir im Hause einer türkischen Großfamilie zu Gast waren. Die Eltern des Diener Gottes wohnten hier und ebenfalls seine Geschwister. Mönch und Handy, kann man sich kaum vorstellen, doch auch bei den Kuttenträgern ist die Zeit nicht stehen geblieben, und so sahen wir unseren Prediger eifrig telefonieren. Es dauerte nicht lange, die Wohnzimmertüre öffnete sich, und hereinspaziert kamen jede Menge Mönche. Einer von ihnen sprach sehr gut Deutsch. Ich erfuhr, dass wir heute dem Erzbischof von Schweden begegnet sind, der während einer Bischofssynode auch seine Familie besuchte.
Archbishop D.Benjamin Atas überreichte mir seine Visitenkarte und ließ von seinen Mönchen eine Liste erstellen, auf der Klöster seines Ordens aufgeschrieben standen, in denen ich weltweit nur seine Visitenkarte vorzuzeigen brauchte, um Bett, Kost und Logis gratis zu erhalten. Na, das war ein Geschenk des Himmels! Top Adressen zu haben ist für eine Weltreise schon wichtig, meinten die Mönche, und während die Frauen uns mit köstlichem Obst und Tee bewirteten, konnten wir sehr interessante und lehrreiche Gespräche mit den Äbten führen. Als wir später wieder auf unseren Radsatteln saßen, waren wir noch betäubt von dieser Begegnung. Zum glätten unserer Gemüter pausierten wir an einem alten Klostergemäuer. Auf dem angrenzenden kleinen Kriegsgräberfriedhof lagen 450 Frauen und Männer begraben, die am 26.März 1945 von der Gestapo erschossen wurden. Wir machten noch Fotos von dieser friedlichen Ruhestädte und ließen einen unbestreitbar nutzbringenden Tag ausklingen bevor wir am Abend nach Lich zur Dachgeberin Gesine aufbrachen.
Mit ihr verbrachten wir bei Kerzenschein und Wein einen urgemütlichen Klönabend. Ralf durfte auf Gesines Sofa schlafen und ich rollte mir meine Isomatte auf und kuschelte mich in meinen Schlafsack.
Nach Rockenberg machte ich mich am Dienstag wieder allein auf den Weg. Kurz vor Münzenberg stellte ich mein Fahrrad in eine Rosenbogeneinfahrt und fotografierte ein außergewöhnlich schönes Bild. Die Münzenburg links liegenlassend, radelte ich nun durch eine der sanftesten Landschaften, durch die ich auf meiner Tour fuhr: Hügelchen rauf, Hügelchen runter, mit der Natur auf DU und DU, nicht sonderlich anstrengend; doch bezaubernd schön. Das grüne lange Gras, welches den Fahrradweg säumte, streifte meine von der Sonne gebräunten Waden. Der Blick über den Lenker bot mir einfach alles, um innerlich zu tanken und aufzublühen, gleich der vielen Wildblumen an den Rändern der Äcker und Wiesen. Ich atmete das 1. Heu und fühlte mich wie Gott in Frankreich.
Rockenberg erreicht, sollte ich auch hier etwas erleben. Doch das wusste ich noch nicht, als ich mich im urgemütlichen Gasthaus, gegenüber dem Rathaus, zum Kaffeetrinken niederließ.
Am frühen Nachmittag traf ich mich mit dem Bürgermeister Manfred Wetz, der mir gleich ein Mittagessen spendierte und mich mit seinem Gemeindevertreter Peter Fries bekannt machte. Der nahm mich mit zu einer Stippvisite in die JVA Marienschloss. Es ist schon bedrückend zu wissen, dass ich mit dem Fahrrad irgendwann mal um die Welt fahren kann, diese Jugendlichen jedoch noch lange Jahre eingesperrte bleiben müssen. Mitten in diesem, zum Jugendgefängnis umgerüsteten ehemaligen Zisterzienserinnenkloster, steht eine uralte Kirche. In ihren Nebenräumen konnte ich mir eine Ausstellung von der Arbeit der Klosterfrauen anschauen. Fotografieren, innerhalb der Haftanstalt, ist strengstens untersagt. Doch von außen habe ich sie dann doch fotografiert; und zwar mit meinem Rad vor der Gefängnismauer.
Beherbergt wurde ich an diesem Abend von Andreas. In seinem großen Wildgarten verbrachten wir einen herrlich lauen Sommerabend.
14 Tage bin ich nun schon unterwegs. Heute wird mein Ziel das Zuhause der Lioba in Friedberg sein. Auf dem Weg dorthin streifte ich die Rosen-Stadt Steinheim, besuchte das Rosenmuseum und konnte herrlich rosengeschmückte Vorgärten bestaunen, bevor ich weiter Richtung Niedermörlen, Bad Nauheim radelte. Die Radlerpause verbrachte ich mitten im Kurpark, in einem der rotweißgestreiften Strandkörbe. Im Wetteraukreis liegt auch Rodheim von der Höhe und irgendwo dort endete mal ein Fahrradweg mitten im Wald auf einem Altenheimgelände. Als ich fragte, wo ich sei, bekam ich die Antwort: „Na hier“. „Hier bei uns“, meinte ein freundlicher Herr. Lauter ältere Männer liefen da herum. Später konnte ich über die Leiterin des Altenheimes in Erfahrung bringen, dass dies hier ein Altenheim für Nichtsesshafte sei. Von so einer Einrichtung hatte ich noch nie gehört. Die Männer erzählten mir ihre Geschichte und ich ihnen meinige. Ein verwackeltes Foto von ihnen blieb mir als wertvolle Erinnerung.
Am Rande des Naturparks “Hoch-Taunus“ liegt Friedrichsdorf. Eine große Tüte Süßkirschen kaufte ich mir am Straßenobststand. Ich staunte nicht schlecht, als mir in der Stadt ein Pfeilschild, auf dem >TEMPEL< geschrieben stand, ins Auge fiel. Neugierig wie ich war, fuhr ich ihm nach und kam an eine große schneeweiße Marmorplatte, auf dem in Goldschrift stand:
„Tempel der Kirche Jesu Christi der heiligen letzten Tage“
Ein hoher Turm, mit einem großen goldenen Engel auf seiner Spitze, der eine Trompete in den Himmel hält, steht vor einem riesengroßen Heiligtum. Hier steht ein Mormonentempel, von dessen Existenz ich noch nie gehört hatte. Ich hatte Glück, ich traf Amerikaner, die dieser 1830 gegründeten Religionsgruppe angehören und nach dem Buch Mormon ihren Glauben und christliches Miteinander pflegen. Am Abend wurde ich zu einem Vortrag über diese heilige Religionsstätte geladen. Nichtmormonen dürfen diesen heiligen Tempel leider nicht betreten. So freute ich mich über einen Videofilm, der mir gezeigt wurde, um etwas von den Innenräumen dieses Heiligen Ortes zu Gesicht zu bekommen. Diese internationale Kirche, einst in Amerika gegründet, umfasst 12 Millionen Gläubige in 160 Ländern der Erde. Mormonen glauben an eine Wiederkehr Jesus Christus, der als Mensch die Erde wieder betritt. Ihre Kirche basiert sowohl auf die Bibel, als auch auf das Buch Mormon: ein Schriftzeugnis, 600 Jahre vor, bis 400 Jahre nach Christus. Ich muss sagen, die Einweisung in diese Kirche hat mich schon beeindruckt, und da ich multireligiös lebe, werde ich mich unvorhereingenommen stets allen Religionen dieser Welt öffnen.
Gefion war meine Dachgeberin in Friedrichsdorf. Sie schickte mich noch ins Telefonmuseum von Phillipp Reis. Hier konnte ich das Haus, in dem Phillipp Reis das Telefon erfand, dort lebte und auch starb, anschauen und etwas über seine Erfindung erfahren.
Oberursel ist von Friedrichsdorf nicht weit entfernt, und als ich am späten Nachmittag des darauffolgenden Tages bei Hans-Ottos Wohnstätte vor einem riesigen Hochhaus stand, staunte ich nicht schlecht. Im Fahrstuhl mit Rad und Gepäck ging es in den 9 Stock. Vom Balkon aus hatte ich einen phantastischen Blick über den Hochtaunus: den Kahlberg, den Goldgrubenfelsen und den Herzberg. Otto war der 1. Dachgeber, der nach meiner Wäsche fragte, und so dauerte es nicht lange, da hing meine gesamte Wäsche, die ich in meinen Radtaschen hatte, schön frisch gewaschen auf seinen Wäscheleinen.
Entlang der Ursel fuhr ich nun durch einen herrlichen Grüngürtel, kilometerweit an der Nidda entlang, bis Höchst. Dort besuchte ich noch Heinz und Cathia, die schon auf ihren Koffern saßen, um in den Urlaub zu fliegen. Sie hätten mir auch ein Dach für die nächste Nacht angeboten, doch das war nicht nötig, weil Lothar schon auf mich wartete. So fuhr ich an diesem sonnigen Samstag auf breiter Promenade weiter den Main entlang, bis in die Altstadt nach Frankfurt, eine Stadt, deren Wolkenkratzer in den Himmel ragen, Fachwerk, Althergebrachtes und Modernes steht dort nebeneinander; große Brücken und Wiesen am Main, lauter Kontraste zum Staunen. Nicht zu vergessen, hier trinkt man den köstlichen weltbekannte Äppelwoi. Die Buchmessestadt hat eben viel zu bieten. Am späten Abend war ich mit Dachgeber Lothar verabredet, mit dem ich noch einen richtig langen Sonntagsspaziergang in einen nahegelegen Park machte. Von hier aus konnte man über ganz Frankfurt schauen.
Auch nach Dietzenbach war es am Montag nicht sonderlich weit zu radeln. Ich genoss das schöne Wetter und rollte über Neu Isenburg entlang des Königsbachs. Jörg erwartete mich schon. Seine Frau und er lenkten mich an diesem Sonntag noch 10 km weiter durch den Dietzenbacher Wald zu einem schönen Waldcafe. Dort sollte ich mich mit dem Dietzenbacher Bürgermeister Stephan Gieseler und mit verschieden Leuten der örtlichen Presse treffen. Was ich aber zu der Zeit noch nicht wusste, war, dass ich in einen Dorn gefahren bin und meinem Hinterreifen so langsam die Luft ausging. Das habe ich erst viel später bemerkt, als wir mit einer großen Gruppe an langen Tischen draußen in der Sonne saßen. Ich muss ganz ehrlich gestehen, wenn jetzt nicht mein Dachgeber und Radprofi Jörg mit seinem Sohn hier gewesen wären, die mir in null Komma nichts den Plattfuß behoben hätten, hätte ich echt alt ausgeschaut. Erstens war es Sonntag und zweitens waren wir hier im Park, weit weg von irgendeinem Fahrradladen. Den Hinterreifen zu wechseln, entzog sich meiner Kenntnisse, da ich mich mit der Rohloffnarbe noch nicht auskannte, auch nicht wusste, wie man beim Reifenwechsel die Gangschaltung abnabelte. Ich hatte das Rad doch erst ein paar Tage vor der Tour übergeben bekommen. Noch etwas ausgesprochen Liebes, was ich allerdings mit einigen anderen Dachgebern auch erleben durfte: nämlich Jörg und seine Frau begleiteten mich am nächsten Tag bis nach Darmstadt. Ich brauchte nicht zu überlegen, wo es lang ging. Sie kannten sich aus, und so strampelten wir zu dritt 30 km durch den Wald, eine Tour die mir sehr gut gefallen hat. Alleine hätte ich das nicht gemacht, dann wäre ich vielleicht aus dem Hochwald nicht wieder herausgekommen. Die vielen Wegweiser konnten schon leicht irreführend sein.
In Darmstadt tobte das Heinerfest. Im Zelt teilten wir uns die von Peter Benz, Oberbürgermeister a. D., spendierten Verzehrkarten und schunkelten mit der Musik. Mit dem Oberbürgermeister Walter Hoffmann konnte ich kurz sprechen, doch wegen des Festes hatte er verständlicherweise für längere Gespräche keine Zeit. Im Festzelt mir gegenüber saß Sepp Gussmann; der Rucki-Zucki-Komponist. Jörg machte noch Fotos von meiner Darmstädter Dachgeberin Ulrike, Sepp Gussmann und mir. Ulrike nahm mich dann mit zu sich nach Hause.
Auf dem Heimweg zu Ulrike öffnete der Himmel plötzlich seine Schleusen. Platzregen schüttete so stark hernieder, dass die Presseleute vom Darmstädter Echo mühe hatten, aus dem Auto zu steigen, um mich zu interviewen. Dass das Wetter zwei Stunden Später wieder schön würde, konnte zu diesem Zeitpunkt wirklich niemand ahnen. Ulrike und ich hatten nämlich zu später Stunde noch die laue Sommernacht genossen und waren gemütlich über das Heinerfest gebummelt. Ein traumhaftes Feuerwerk wurde bei Einbruch der Dunkelheit gezündet. Weit nach Mitternacht erst gingen wir heim. Mit Ulrike habe ich mich super verstanden; wir sind ein wenig aus ähnlichem Holz geschnitzt. Ausschlafen; das hatte ich mir schon lange nicht mehr gegönnt, und zwar so lange, bis ich auf meiner Isomatte von der Morgensonne angestrahlt wurde und nicht mehr liegen mochte. Nach einem Sonntagsfrühstück am Dienstag begleitete mich Ulrike noch eine Stunde zu Fuß zur Stadt hinaus. Etwas schwer ist mir der Abschied schon gefallen, aber wir versprachen einander zu schreiben wenn ich die Deutschlandtour hinter mir habe.
Ein relativ bequemer Radweg führte zu Livia, meiner Dachgeberin zu einem kleinen Dorf namens Rossdorf. Hier steht ein historisches Rathaus, ein Fachwerkgebäude aus der Zeit 1575.Weil Radfahrer Vitamine brauchen, das weiß Livia aus eigener Erfahrung, versorgte sie mich mit den leckersten Früchten und Säften, die sie im Hause auftreiben konnte. In ihrem schicken Büro durfte ich mich den ganzen Abend, was ich allerdings bei diversen anderen Dachgebern auch hin und wieder konnte, ins Internet einklicken, dort meine Post erledigen und nach Hause mailen. Hier konnte ich auf meiner Isomatte auch nächtigen.
Die Landschaft wird zunehmend schöner. Wenn man so vor sich hinradelt, fliegen die Gedanken weit. Noch ist Platz für Poesie; noch ist Poesie mein Platz, ging es mir durch den Kopf.
O, Oma-Mia! Wie wunderschön ist Deutschland!
Ich suchte mir ein Plätzchen abseits des Weges, am Ackerrand zwischen den Wiesen im langen Gras. Dann radelte ich weiter durch „das Tor zum Odenwald“ Ober-Ramstadt. Durch das Modautal über Modau führte mein Weg. Hier knirschte mein “Benne“ das erste Mal eine Stunde lang über groben Schotter. Ich war froh, dass ich so dicke Ballonreifen auf meinen Felgen hatte und habe den Schotter kaum bemerkt.
In Mühltal erwartete mich Detlef, der gerade von einem gelungenen Radrennen für Profis zurück war. Er ist Radkonstrukteur und inspizierte meinen “Benne“ und gestattete sich eine Probetour, wegen der Radnarbe. Einmal runter und einmal den Berg hinauf, den ich geschoben hatte. Ich staunte nicht schlecht. Nicht einmal den kleinsten Gang hat er benötigt. Die Anhöhe, wo er wohnt, hat mindestens 12% Steigung.
Später gönnten wir uns einen langen Spaziergang. Ich hatte das Gefühl, dass hier etwas die Zeit stehen geblieben war. So weit mein Auge reicht, schaute ich über saftige Wiesen, goldene Ährenfelder und frisch umgepflügte Erdböden. Das liebliche Hügelland ist von einer auffallenden Stille umgeben. Ein schwacher Wind wog die Ähren des beinahe reifen Korns. Meinen Blick über die Weiten schweifen zu lassen, hier spazieren zu gehen, war eine Wohltat für Körper, Geist und Seele.
Eine Kompassklingel hat mir Detlef geschenkt, deren Sinn ich später, gerade in den Großstädten, noch sehr schätzen lernen sollte.
Über ganz Fischbachtal konnte ich schauen, als ich auf den Turm der Ruine Lichtenberg hinaufgeklettert war. Ein wunderschönes Panorama bot sich mir. Hier hätte ich im Mittelalter, glaube ich, auch gerne gewohnt. Doch an diesem Nachmittag zogen in der Ferne schwarze Wolken auf. Ich musste mich, nachdem ich mir noch einen Abstecher zum Schoß Lichtenberg gönnte, spurten, um zu meinem Dachgeber Werner zu kommen. Ein hübsches Gästezimmer stand mir zu Verfügung. Es war das ehemalige Zimmer eines ihrer vier erwachsenen Kinder.
Mit Zwischenstopp im Luftkurort Reichelsheim fuhr ich in die Gemeinde Rimbach (Unter-Mengelbach). Kurz vor Rimbach musste ich, wegen des plötzlich einsetzenden Regens, unter einen großen Baum eine Stunde zwangspausieren. Hier holte ich das erste Mal meine Regenkleidung aus den Radtaschen. In meiner Lenkertasche hatte ich noch Knusperriegel, die ich aus lauter Langeweile nach und nach verputzte. Irgendwann ließ der Regen nach und ich konnte meine Tour fortsetzen. David, mein heutiger Dachgeber, stand noch mit seiner Familie in einem Stau auf der Autobahn, als ich bei ihm eintraf. Die netten Nachbarn halfen mir liebevoll mein Rad abzuladen und nahmen mich in ihre Obhut. Später konnte ich zu Fuß ins Dorf laufen, um mir über den angrenzenden Waldweg die Füße zu vertreten. Ich war auf einem nahegelegenen Hochsitz geklettert und machte noch rasch ein paar wunderschöne Landschaftsaufnahmen von dieser Gegend. Selbstverständlich kam auch David mit Frau und Kind ebenfalls heile nach Hause. Später saßen wir gemütlich am runden Abendbrottisch, bevor ich relativ zeitig auf seiner ausgezogen Couch im Gästezimmer einschlief. David drehte am nächsten Morgen auch eine Runde mit meinem vollgepackten Rad. Ich machte ein Foto von seiner Proberunde, schwang mich auf den Sattel und düste winkend und hupend davon.
Von Ober-Mängelbach radelte ich ins Tal nach Waldmichelbach im Kreis Bergstraße; einem schmucken Kurstädtchen mit einem auffallend schönen Bücherbrunnen. Ich glaube, ich habe fast jedes Buch fotografiert. Von einem Vers fühlte ich mich jedoch besonders angesprochen. Dort stand: „Für das Können gibt es nur einen Beweis: DAS TUN“ Ein Spruch den ich während meiner Radtour gewiss beherzigte.
Renate heißt meine Dachgeberin in Waldmichelbach, die mir eine wunderschöne Kellersuite ihres jüngsten Sohnes zur Verfügung stellte. Am Abend gingen wir zu einem Freilicht-Konzert mit Gunter Emmerlich und Deborah Sasson. Die Karten hierzu schenkte uns der Bürgermeister Joachim Kunkel.
Über den Radfahrweg “Burgenstraße“ machte ich mich am folgenden Tag auf den Weg. Über Ober Schönmattenwag geht’s steil hinauf. Oben hatte ich eine herrliche Aussicht über die märchenhafte Berglandschaft. So viele riesengroße Walnussbäume, die hier wachsen, habe ich noch nie gesehen. Nachmittags führte mich der “Odenwald Madonnen Weg“ mit geringer Steigung kilometerweit am Neckar entlang. Wie oft ich hier abgestiegen bin und mir die phantastische Landschaft am Wasser angeschaut habe, das weiß ich nicht mehr. An diesem Tag bin ich gut 70 km gefahren und habe mich in Zwingenberg mit einer kleinen Fähre über den Neckar setzen lassen. In Neckargerach bin ich in ein Taxi gestiegen: das erste und das letzte Mal auf meiner Tour. Ich ließ mich zu Markus nach Aglasterhausen hoch karren. Zugegeben; mit dem Fahrrad hätte ich es bis dort hinauf an diesem Abend nicht mehr geschafft.
Am nächsten Tag begleitete mich Markus Frau ein Stück den Weges. Auf meinem Deutschlandtourenplan stand für Heute Sinsheim als Ziel. Über Weibstadt gelangte ich dorthin. Axel heißt mein Sinsheimer Dachgeber. Er bewohnt hier ein historisches echtes Wassermühlenhaus. Am Hause ein funktionierendes Mühlrad, im Hause alles, was im vorletzten Jahrhundert notwendig war, um Dorfmüller zu sein. Dicke Mühlsteine und eine derart ausgetretene Treppe, dass ich mich am Geländer festhalten und aufpassen musste, um nicht zu fallen, wenn ich zu meinem Schlafgemach hinauf wollte. Innen roch es noch nach dem Mehlstaub der letzen Jahrhunderte. So etwas habe ich auch noch nie erlebt.
Nicht weit entfernt von hier liegt Heilbronn. Um auch diesem schönen Örtchen außerplanmäßigen Besuch abzustatten, nahm ich den Zug dorthin. Natürlich hätte man auch radeln können, aber zeitmäßig währe ich dann nicht mehr pünktlich bis Bretzfeld gekommen, denn dort wollte ich spätestens um 18 Uhr sein. So schaute ich mir in Heilbronn, an der Nordseite des Marktplatzes, ein Prunkstück dieser Stadt an: die berühmte astronomische Kunstuhr am historischen Rathaus. In ihrem vierstufigen Rahmen befindet sich nämlich unten eine astronomische Uhr, darüber die Zeituhr und oben die Mondphasentafel. Über allem gipfelt ein Glockentürmchen. Ein wirklich auffallendes Meisterwerk. Später las ich in einem Prospekt, welches bei der Zeitung der Heilbronner Stimme auslag, dass die Uhr von Isaak Habrecht um 1579 erbaut wurde. Die “Heilbronner Stimme“ brachte über meine Radtour auch einen kleinen Artikel in ihrer Regionalausgabe.
Etwas knapp wurde mir die Radlerzeit, denn jetzt radelte ich die etwas größeren Hügelchen rauf und wieder runter. Manchmal schob ich aber auch das Rad bergauf und sauste anschließend wieder bergab. Immer durch die schönste Landschaft, die ich bislang erleben durfte. Ich radelte die “Schwäbische Weinstraße“ entlang, längs der herrlichsten Weinhänge. Natürlich bin ich auch hier dauernd abgestiegen und habe fotografiert. Weil ich neugierig war, stibitzte ich auch mal ein hellgrünes Träubchen. Doch diese kleine Traube war so sauer, obwohl sie so lecker ausschaute. Deshalb spuckte ich diese ungenießbare glasgrüne Frucht schnell wieder aus. In Trier, auf dem Weg nach Saarburg, konnte man die grünen und blauen Kugeln ernten und essen denn dort waren die Beeren reif.
Der Burgenweg führte mich direkt nach Bretzfeld. Eine wirklich reizvolle Landschaft. Der “Naturparkverein Schwäbisch Fränkischer Wald“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Eigenart und Schönheit dieses Lebensraumes für Mensch, Tier und Pflanzenwelt zu pflegen, zu erhalten und zu schützen.
Mein Dachgeber Jürgen und sein Sohn begleiteten mich zum Rathaus. Dort wartete schon der Bürgermeister Thomas Föhl auf mich und lud mich in die „Rose Bitzfeld“, einem schicken Restaurant, zum Abendessen ein. Er nahm sich wirklich sehr viel Zeit für mich, erzählte mir von der Großgemeinde Bretzfeld und seiner liebenswerten Landschaft. Zum Abschied schenkte er mir als Erinnerung an diesen schönen Tag, einen Bildband von Bretzfeld und eine Flasche Wein vom stadteigenen Weinberg. Beides wurde mir über den Postweg nach Hause geschickt.
Durch die Hohenloher Weinberge bin ich über Verrennberg, Kreis Öhringen, Neuenstein, Neukupfer (Kupferzell) nach Schwäbisch Hall geradelt. Auf dieser schönen Strecke entwickelte ich mich zum absoluten Genussradler. Wunderschöne Radwege führten dort hin. Schwäbisch Hall liegt am Kocher und an der Jagst. Ich gönnte mir nach dem Besuch der dortigen Presse, noch einen wunderbaren musikalischen Abend. Bei traumhaftem frühabendlichem Sonnenschein saß ich auf der Terrasse des “Goldenen Adlers“ und hatte gleichzeitig einen kostenlosen Logenplatz mit Blick zur alten Freitreppe St. Michel. Auf den Stufen probten die Schauspieler der Freilichtspiele Schwäbisch Hall (zweitälteste Freilichtspiele Deutschlands). Während der Proben lauschte ich den ergreifenden Gesängen der Chansonniere.
Bei meinem schwäbisch Haller Dachgeber Dieter, der mir den Haustürschlüssel überließ, durfte ich meine Isomatte aufblasen und ging an diesem Abend relativ früh schlafen.
Um nach Wolpertshausen zu gelangen, befuhr ich den Kocher-Jagst-Weg; entlang des Kochertals. Es ist die Nähe zur Natur, die mir Körper und Geist stärkte und mich dazu anspornte, mit eigener Muskelkraft den reizvollen Eindrücken dieser Region etwas näher zu kommen.
In der Nähe von Geislingen gibt es eine riesige 185m hohe Brücke, höher als das “Ulmer Münster“: und jede Menge für mich zu schieben. Der Weg dorthin schlängelt sich serpentinenartig hoch.
Es freute mich, dass ich meine erste größere Radtour in meinem Leben so unproblematisch bisher geschafft hatte. Oben angekommen, erschien bald klein und beschaulich die Gemeinde Wolpertshausen. Die Natur noch intakt, wird hier das Miteinander noch groß geschrieben. Jeder kennt jeden. Und da nicht viel los ist, regiert hier abseits aller Hektik, das verträumte (Er)Leben. Der einzige Dorfladen, mit integrierten Stehkaffe, ist auch gleichzeitig die Kommunikation- und Informationsstätte der Bewohner in dieser Ortschaft. Hier versorgte ich mich mit Kaffee und frischen Brezeln.
Dachgeber Peter kam erst nach Hause, als ich es mir schon längst auf seiner urgemütlichen Terrasse bequem gemacht hatte. Vom Nachbar erhielt ich den Schlüssel und so konnte ich mich, mit der Fliegenklatsche bewaffnet, in den Liegestuhl fallen lassen. Peter kam direkt von der Geschäftsstelle des ADFC- Schwäbisch Hall. Er ist ein echter Fachmann; was das Fahrrad anbetrifft. Und so dauerte es auch nicht lange, da hing mein Rad in seiner hervorragend ausgestatteten Werkstatt am Haken. Er schraubte hier, kontrollierte dort, reinigte meine total verdreckte Radkette und er meinte, dass ich mir mit derart schwerem Gepäck mal einen Vorderradständer zulegen sollte. Bei dem Gepäck; keine Frage, meinte ich, aber woher? Am späten Abend saß ich dann am gemütlichen Grillfeuer. Bettina, seine Frau und ihre Eltern, Peter und ich genossen die laue Sommernacht. Wenn ich am Tag darauf nicht hätte weiterfahren müssen, hätte ich hier, fernab von allem was mich nervt, sicherlich 14tägig urlauben können.
Als ich am anderen Tag aufstand, gab es eine Überraschung. Peter hatte mir einen Vorderradständer angebaut. Als ich das sah, bekam ich richtig feuchte Augen und kann nicht beschreiben, wie glücklich ich darüber war. Seitdem ich mein Rad nun immer auf zwei Ständern abstellte, haben alle anderen Dachgeber natürlich staunend diesen neuen Ständer bewundert. Ich kann mir heute nicht mehr vorstellen, bei derart vollen Vorderradtaschen keinen zusätzlichen Radständer zu benutzen. Und wenn Peter mich über Crailsheim hinaus begleitet hätte, mit einem Anhänger voller Vorderradständer, dann hätte er das Geschäft seines Lebens machen können. Jeder, aber auch jeder, der mit mir schwatzte, sprach mich auf diesen Vorderradständer an.
In Crailsheim angekommen, gab es wieder ein Interview bei den Pressestellen. Ganz in der Nähe war auch der Bahnhof und so ergab es sich, dass ich mir schon die Fahrkarte kaufte, die mir an nächsten Morgen eine Zugreise nach Augsburg ermöglichte. Dann schaute ich mir die Stadt an, ging auf den Markt, bekam Kirschen geschenkt, marschierte zur Post, denn ich brauchte mal wieder einen Schwung Briefmarken für die Ansichtskarten, die ich von unterwegs schrieb und schlenderte bei herrlichem Sommerwetter durch den Park. Ich war bei Dachgeberin Christine und ihrer netten WG eingeladen. Sie verschloss meinen “Benne“ in ihrem Schuppen und lieh mir dafür ihr altes Stadtrad aus, mit dem ich anschließend gemütlich Crailsheim erradelte. Abends saß ich mit der WG an einer langen Gartentafel. In gemütlicher Bierrunde genossen wir den traumhaften Sommerabend. Ein herrlicher Wildgarten diente mir hier als Fotokulisse.
Am nächsten Tag, während der Zugfahrt, schien noch die Sonne. Doch das änderte sich, je näher ich nach Augsburg kam. Schließlich dort angekommen, schlug plötzlich das Wetter um. Es fing an zu regnen. Ich hatte hier einen Eil-Termin bei Herrn Tambour, im Radfachladen “Dynamo“; eine Vereinbarung, die mein Radbauer Jochen Kleinebenne von der Firma Patria in Leopoldshöhe mit seinen Kollegen in Augsburg getroffen hatte. Herr Kleinebenne hatte auch einen Sattel nach Augsburg geschickt, den mir die Firma SQlab zu PATRIA schickte, um ihn mir zu sponsern. Einen Satz Lenker Hörnchen wurden mir von der Firma Dynamo gesponsert und mein Rad bekam eine Generalinspektion. Dabei montierte mir Herr Tambour noch den von netten Helfern abgerissenen Rückscheinwerfer wieder an den Gepäckträger. Er wechselte die Sättel und in Windeseile, düste ich nun zum Maximilianmuseum ab. Dort wartete schon der Kulturreferent der Stadt Augsburg, Werner Kaufmann. Zum Thema: “450 Jahre Augsburger Frieden“ gab es hier eine Ausstellung, zu der ich von der Frau Bürgermeisterin Leipprand eingeladen wurde. Meinen “Benne“ gab ich bei der Garderobenfrau in Obhut und ich wurde im Museumscafé zu leckeren Brötchen und Kaffee eingeladen. Mit dem Stadtvater führte ich wissenswerte Gespräche über diese Stadt und ihre Ausstellung. Die Eintrittskarte für das Museum bekam ich von ihm geschenkt. In Ruhe und mit viel Zeit konnte ich durch das große Maximilianmuseum laufen. Ich muss sagen, die Ausstellung „Als Frieden noch möglich war“ die die wegweisende Bedeutung des Augsburger Religionsfriedens dokumentierte, hat mich sehr beeindruckt. Ich denke auch heute würde zur dauerhaften Kompromisslösung und Entschärfung religiöser Konflikte, in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt, gerade im Zusammenleben mit unseren andersgläubigen Nachbarn, ein Internationaler Religionsfriedensprozess große Bedeutung erlangen.
Bei Adam, meinem Dachgeber und seinem Studienfreund, durfte ich übernachten. Die zwei schickten mich, nach einer Probefahrt um den augsburger Häuserblock, am anderen Morgen nach Mering. Hierher war es nicht schwer zu radeln, und so kam ich schon am frühen Nachmittag dort an. Seit 1021 gibt es diesen Ort. Der Ortsname Mering wurde möglicherweise aus den Namen Mor, Moringa, Möring oder Maurus abgeleitet, nach den hier vorgefundenen römischen Mauerresten. Diese habe ich aber nicht gesucht. Stattdessen trank ich in einem netten Straßencafé im Dorf noch eine Cola bevor ich zu Doris, meiner nächsten Dachgeberin, radelte. Sie war an diesem Montag nicht zu Hause, da sie als Abgeordnete einen wichtigen Termin wahrnehmen musste. So empfing mich ihr netter Ehemenn, versorgte mich mit allem, was not tat, um mich auch hier, wie überall auf meiner Tour, richtig wohl zu fühlen.
Schon befinde ich mich im Kreis Fürstenfeldbruck auf dem Weg nach Maisach. Meisach liegt 550 Meter hoch. Doch so richtig weiß ich nicht wo ich bin. Mein Weg dorthin führte über Längenmoos. Ein Ort der zur Gemeinde Mittelstetten zählt. Zeitweise lenkte mich mein “Benne“ über recht einsame Straßen. Diese sind hier oben aber nicht sonderlich hügelig. Die Familie von Gabriele, meiner Maisacher Dachgeberin, wohnte am Rande des Stadtkerns , und so konnte ich noch, bevor das Wetter für heute noch total umschlagen sollte, nach Ansichtskarten Ausschau halten, um meinen Enkeln zu schreiben. Das war auch gut so, denn nachdem ich noch ein leckeres Eis in einer Eisdiele schleckte, braute sich später, als ich in meinem Gästezimmer saß und zum Fenster herausblickte, ein Unwetter zusammen, bei dem man das Fürchten lernen konnte. Weltuntergangsstimmung! Ein unglaublicher Sturm ließ die Bäume in Schieflage bringen. Regen peitschte an die Dachfensterscheibe und Blitze schossen über die Nachbardächer. Mein Gott...., dachte ich, wenn ich morgen durch so ein Wetter muss?“
Doch der Himmel hatte mit der Radler-Omi erbarmen. Pünktlich zur Abfahrt am 19. Juli klärte der Himmel wieder auf.
Fürstenfeldbruck sollte mein nächstes Ziel sein. Ich wusste, dass hier die Amper fließt und an ihr überall herrliche Radwege entlang führen. Ich freute mich also auf die Kreisstadt zwischen Augsburg und München. Im alten Rathaus holte ich mir einen Stadtplan und Informationen über die Klosterkirche zu Fürstenfeldbruck.
Zuerst lud ich meine prallen Radtaschen bei Maria, meiner heutigen Dachgeberin, ab. Nun konnte ich auf Erkundungstour gehen und mir Fürstenfeldbruck und sein Umfeld anschauen. Später hatte man, weil ich Angst hatte das Rad draußen im Hof abzustellen, “Benne“ 3 Stockwerke hochgetragen. Auf einem kleinen hölzernen Balkon bekam er, zwischen vollgehangener Wäscheleine und Blumentöpfen, sein lauschiges Plätzchen zugewiesen. Für mich opferte Maria in der kommenden Nacht ihr komfortables Schlafgemach.
Um nach Seefeld zu fahren, hatte ich am 20. Juli eine besonders schöne Tagestour vor mir. Hermann Hesse meinte einmal: „Langeweile ist etwas, was die Natur nicht kennt, sie ist eine Erfindung der Städter.“ Auch ich habe mich auf meiner gesamten Tour nicht ein einziges Mal gelangweilt. Von Fürstenfeldbruck an ging es an der Amper entlang, in die Gegend des Fünf-Seen-Landes. Wer hier schon mal geradelt ist, wird immer wieder herkommen. Ich radelte durch den Ortsteil Mauern, der zur Gemeinde Grafrath gehört, bis zum Ammersee. Dort angekommen, machte ich eine längere Pause und setzte mich auf die Terrasse eines Seerestaurants. Weil ich mein Rad mit zu meinem Tisch nehmen wollte, was man nicht besonders gern sah, musste ich erst eine lange Rede halten und erklären, warum ich hier sei und wie wertvoll mein Fahrrad ist. Anschließend gab man mir grünes Licht. So konnte ich gemütlich ein leckeres Suppenmenü mit frischen Brezeln verzehren und dabei über einen türkisgrünen Voralpensee, der zum Baden einlud, blicken. Ob ich wohl gebadet habe? Aber ja doch, und das bei hochsommerlichen Temperaturen, also; raus aus die Radlerhose rein in den Badeanzug und platsch ins prickelnde Nass.
Steinebach liegt am Wörtsee und Hechendorf am Pilsensee, nicht weit von Seefeld entfernt. Hier war ich nun überall mal gewesen. Gegen Abend auch bei Elisabeth, einer lieben Dachgeberin, als Übernachtungsgast. Draußen, in einem herrlich verwilderten Garten, aßen wir mit ihren 2 Töchtern unser Abendbrot. Hühner liefen auf der Wiese umher und der freche Hahn krähte mich morgens aus den Federn.
Mit vollen Wasserflaschen gut versorgt, verließ ich mit der Familie sehr früh, vom Wind geschoben, Seefeld. Später, entlang des Pilsensees, radelte ich zum Kloster Andechs. Schön ist es hier oben; doch bis ich das sagen konnte, schob ich mein schweres Rad erst einmal den steilen Berg bis zur Klosterkirche hinauf. Die Leute haben mich kopfschüttelnd überholt und nicht schlecht gestaunt, als ich oben ankam. Ich konnte “Benne“ doch nicht unten in der Wiese stehen lassen. Aber hineinschauen wollte ich in diese Kirche schon. Mitten im Kirchenportal stellte ich das Rad ab und niemand hatte etwas dagegen. Die Aussicht von hier oben ist umwerfend schön.
Nun war es auch nicht mehr allzu weit bis zum Westufer des Starnberger Sees nach Feldafing. Hier hatte sich einst die Österreichische Kaiserin Sissi im Hotel zur Kaiserin Elisabeth gern aufgehalten; umgeben von dieser traumhaften und recht abwechslungsreichen auch heute noch intakt gehaltenen Natur.
Überall darf man hier im sauberen Seewasser schwimmen. Ganz normales Leitungswasser erfüllt die Qualität höchster Ansprüche. Hier wohnen auch Jutta und Gerhard Kraus, Weltumradler, die ich auf meinen Webseiten unter Presse und Öffentlichkeitsarbeiten erwähnt habe. Mit Jutta schreibe ich schön seit längerem Briefe über das Internet. Ganz spontan lud sie mich drei Tage zu sich nach Hause ein. In ihrem Haus, zwei Gehminuten vom See entfernt, konnte ich auftanken. Sowohl bei gemeinsamen Spaziergängen am Starnberger See, als auch nur beim Faulenzen auf der Glasveranda. Ich wurde verwöhnt und für die Weltreise theoretisch geschult, indem Jutta und Gerhard mir anhand ihrer Diashow zeigten, wie sie unterwegs waren. Mit dem Rad sind Jutta und ich entlang des Sees geradelt. Den Blick auf den See, hoch zu Radross- das muss man erlebt haben. Die Seefelder Auszeit war schon erlebnisreich. Ein wichtiger Lehrpfad auf meiner Tour.
Das Erdinger Holzland an der Großen Vils, ist eine Gegend wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Im Isar-Inn Hügelland liegt Taufkirchen. An diesem Tag hatte ich auch noch reichlich Zeit zum Nachdenken. Es gibt sie, die Zeit nach der Tour. Sie ging mir durch den Kopf. War es hier das Umfeld, das mich so vogelfrei machte, oder nur die permanente Sehnsucht Rad zu fahren? Irgendwann werde ich das, was ich hier erlebt habe, versuchen in Worte zu kleiden, dachte ich, aber nur wie...?
In Taufkirchen wohnt meine nächste Dachgeberin Karin, inmitten eines herrliche großen naturbelassenen und wildromantischen Kräutergartens. Ihr großer Hund begrüßte mich an diesem Sonntag schwanzwedelnd und einer ihrer freundlichen Söhne überließ mir sein Zimmer und sein Hochbett. Ich habe hier genächtigt wie Dornröschen.
Frühmorgens, auf glatter Straße und holperigen Feldwegen dahinradelnd, ging es zeitig weiter. Über Hohenbrunn radelte ich erst nach Zorneding und anschließend nach Ebersberg.
Mistwetter! Ich übte mich regelrecht in Zeitvergeudung. Sie war eh nur meine innerliche Zeit, die den Abstand zur Verhältnismäßigkeit suchte. Ob man sich nun entschied, ziellos durch die Landschaft zu radeln oder anderswo stundenlang unterzustellen, weil es unentwegt regnete, macht kaum einen Unterschied. Zeitverschwendung ist Gott sei Dank aber auch eine positive Investition in das, was anschließend passiert: ich meine nach der Deutschlandtour.
Barbara Fuhrmann von der Ebersberger SZ, machte noch ein Foto und veröffentlichte es am 27. Juli mit einem kleinen Bericht in der Tageszeitung. Verborgen im Dunstschleier fand ich inmitten eines Naturschutzgebietes auch den Eggelburger See. Ein heftiger Gewitterguss ging hier nieder, der später mit Nieselregen abklang. Als ich am späten Nachmittag zur 15 km langen Schlussfahrt ansetzte, platschten die Reifen auf dem nassen Asphalt. Feldwege waren nicht mehr befahrbar, sodass ich die Hauptstraße, auf der reger Schwerverkehr herrschte, befahren musste. Erst wieder in Zorneding angekommen, hörte es langsam auf zu regnen.
Noch nie auf meiner Tour habe ich mir, nach Ankunft bei meinem Dachgeberin so schnell eine heiße Dusche gewünscht, um nicht noch eine Erkältung zu bekommen. Kein Problem bei Bärbel. Ich sie wirklich nötig. Fast bis auf die Haut durchnässt, pitschnass die Haare, war ich froh, heißes Wasser über mir zu spüren und anschließend in trockene Kleidung zu steigen.
Am 26. Juli brach ich, nach einem gemütlichem Frühstück bei Bärbel, in Richtung Tuntenhausen auf. Der Regen von gestern ist wie weggezaubert. Über Grafing, vorbei an einem phantastischen Wildgehege, führte mein heutiger Feld- und Wiesenweg nach Strassdorf. Ostermünchen steht später auf dem Ortseingangsschild. Die Gemeinde Tuntenhausen zählt zum Landkreis Rosenheim. Seit 1441 wird hier die legendäre Marienwallfahrt Oberbayerns veranstaltet. Eine schmucke zweitürmige Pfarrkirche mit bunten Farbtafeln, die von außen rundum den Andachtsort schmücken, habe ich mir anschauen können.
Christian, mein Dachgeber, bewohnt hier in 502 Metern Höhe ein typisch Bayrisches Holzhaus. Mit seinen netten beiden kleinen Töchtern verbrachte ich den späten Nachmittag. Ich erinnere mich an das Milchholen: mit einer Blechmilchkanne! Unten darin klapperte das Geld. Ich wurde mit seiner jüngsten Tochter zum Nachbarn, einem Bauern, zum Milchholen geschickt. Ich hatte es nicht vergessen und musste dabei an meine eigene Kindheit denken, ebenso an den Film Heidi, die singend über die Alm läuft. Barfuss fröhlich durch die Pfützen springend dauerte dieser Weg, hin und zurück, eine Dreiviertelstunde. Einen Ferienhof mit großem Kuhstall konnte ich bestaunen und zum ersten Mal seit meiner Kindheit durfte ich wieder unbehandelte Kuhmilch kosten. Welch köstliches Getränk! Niedliche Ferkelchen hatten die Sauen von Christian. Ein Kinderpool stand hinten im Garten. Rundum nur Wiesen mit Kühen, Pferden, herumlaufenden Hühnern und einem Haus- und Hofhund. Und noch etwas habe ich nicht vergessen. Die Norwegertoilette. So ein Gerät habe ich noch nie kennen gelernt. Ein befremdendes Gefühl, ohne Wasserspülung, nur mit Sägespäne wurde nachgeschüttet. Richtig viel gab es hier zu fotografieren und das bei schönstem Wetter. Die Berge sind zum Greifen nah. Vom Balkon aus habe ich sie fotografiert. Sie sollten mir aber noch viel näher vor die Linse kommen; und zwar auf meinem Weg entlang der traumhaften Voralpen nach Vogtareuth; zu Werner, meinem heutigen ADFC-Dachgeber. Er wohnt zwischen Rosenheim und Wasserburg.
Über Rott am Inn entlang führte mein Weg, und zwar auf den berühmte Mozart-Radweg, der mit 450 km Länge den ganzen Chiemgau durchquert. Hier wimmelte es nur so von Radfahrern. Mit vielen kam ich ins Gespräch, denn wer mit soviel Gepäck fährt, muss damit rechnen, angesprochen zu werden. Über Griesstätt, der Murn entlang, lenkte ich “Benne“ durch verstreute Dörfchen und zahlreiche Anhöhen mit Kurs auf Vogtareuth. Werner hat hier hinterm Haus einen großen von Seerosen bedeckten Naturteich, der zum Schwimmen einlud. Bei hochsommerlichen Temperaturen war die private Badeanstalt mir sehr willkommen und ich planschte nach Herzenslust. Vom Garten aus richteten sich meine Blicke immer wieder auf die Kampenwand, den Wendelstein und den Heuberg. Berge, an denen ich später noch einmal ganz nah vorbei kommen sollte; und zwar auf der Zugfahrt nach Salzburg.
Noch vier Tage, dann sollte sich der erste Teil meiner geplanten Radroute dem Ende nähern. Noch stehen die Orte Bad Endorf, Matzing, Traunstein, Übersee und Traunreut auf meiner Reiseliste.
Durch eine noch unverfälschte Schatzkammer der Natur fuhr ich mit meinem Rad, als ich mich zum staatlich anerkannten Heilbad Bad Endorf aufmachte. Hier liegt auch die Hemhofer/Eggstätter Seenplatte, eine der ältesten Naturschutzgebiete Bayerns. Auch der Pelhamer See, umgeben von wertvoller Flora und Fauna, ist für die Radler zugänglich. Martin und Angela haben mich hier liebevoll aufgenommen, nachdem ich von Peter Helfmeyer, vom Kur und Tourismusservice der Stadt Bad Endorf, vor dem Rathaus herzlich begrüßt wurde. Ein “Bad Endorfer Kräuterflasch’l“ wurde mir noch in die Radtasche gesteckt: für die Gesundheit meint Peter Helfmeyer, denn die könnte ich gebrauchen bei derartigem Vorhaben.
Am nächsten Tag wollte ich mir den Kneip- und Kurort Traunstein anschauen. Mitten im Chiemgau gibt es eine vielfältige Tourismusinfrastruktur. Beim Dinzler, einem einladenden Straßencafé, schrieb ich meine Ansichtskarten. Nachdem von mir und meinem “Benne“ von der hiesigen Presse, im Park ein Foto gemacht wurde, radelte anschließend ein wenig quer durch die Innenstadt.
Ein regelrechtes Paradies für Naturliebhaber ist die Gegend um Matzing. Die Traun und Als sind Flüsse, die ich noch kennen lernen sollte. Denn hier eingetroffen, wurde ich postwendend von Thomas fröhlicher Familie in das alltägliche Lebens mit hineingerissen. Einen meiner herrlichsten Badeausflüge, den ich je auf meinem Radausflug durch Deutschland erfahren habe, konnte ich mit Thomas, seinen Kindern und seiner Frau erleben. Mit fünf Schlauchbooten (Thomas und Freunde mit deren Familien) fuhren wir auf der Traun und der Als dahin. Obwohl mich hierbei manche dicke Mücke anzapfte, hatte mir die Schlauchbootfahrt unglaublich viel Spaß bereitet: raus aus dem Boot, rein ins Wasser, und Bier direkt aus dem Hahn des Fässchens. Schwimmen und Bootfahren wechselten sich an diesem heißen Tag unaufhörlich ab. Abends gab Thomas in seinem Garten eine riesige Party. Ich fühlte mich in seiner Familie wie daheim, und so hatte ich Gelegenheit, mich bei den Vorbereitungen zu diesem Fest helfend mit einzubringen. Von Matzing führt ein Berg- und Talweg nach Seebruck. Heute wollte ich, am vorletzten Tag in diesem Monat, entlang des Chiemsees, des artenreichsten Vogelschutzgebietes Deutschlands, noch nach Übersee radeln. Das Wetter versprach wieder einen radlerfreundlichen Tag.
Seebruck liegt am Nordufer des Chiemsees. Auf dem Ortseingangsschild steht Gemeinde Seon-Seebruck. Als ich gegen Mittag die Segelhafenanlage am Chiemsee erreichte, war das Wetter noch traumhaft. Menschen badeten im See, lagen auf den angrenzenden Wiesen und genossen einen sommerlichen Samstag.. Wie herrlich der See hier liegt, kann man kaum beschreiben. Eine große Tüte Pfirsiche kaufte ich mir, bevor ich nun über Stöttham, Chieming und Hirschau, entlang von Grabenstätter Moos, zum Luftkurort Übersee radelte. Der liegt direkt am Südufer des Chiemsees. Die Chiemgauer Berge schaffen eine besondere Erlebniswelt. Der hiesige lange Naturbadestrand, mit Blick auf die Chiemgauer Alpenlandschaft, war entgegengesetzt zum Seebruckstrand total entvölkert, weil urplötzlich das Wetter umschlug. Ich hatte unterwegs ja noch Glück gehabt, denn erst als ich in Übersee ankam, zog eine riesengroße alles um sich herum verdunkelnde schwarze Wolke auf. Am Abend verstand ich den Tag nicht mehr. Es braute sich ein derart heftiger Sturm zusammen, wie ich ihn eigentlich nur vom offenen Meer her kannte. Zu meiner Dachgeberin Sabine meinte ich nur, als wir beide später mit Regenschirmen bewaffnet, noch zu einem am See stattfindenden Fest, marschierten: „Ein Wetter, wie an der Nordseeküste“. Die vom Sturm aufgewühlten Wellen peitschten das Ufer. Mir taten die Veranstalter leid, die alle wieder einpacken mussten, weil an diesem nicht nur stürmischen sondern auch richtig kalten Abend, kaum jemand kam. Durchgefroren erreichten wir nach einem Döner-Kebabschmaus wieder Sabines Zuhause. Ein Fledermäuschen mit gebrochenem Flügel musste sie noch füttern. Sie päppelte es bei sich zu Hause geduldig auf, und so ich hatte Gelegenheit, mir diesen Winzling einmal aus allernächster Nähe anzuschauen. Das war auch ein sehr interessantes Erlebnis.
Am 31.Juli, dem letzten Sonntag im Juli, machte ich mich über Traunstein auf den Weg nach Traunreut. Hier wohnt Georg Ihmann, ein begnadeter Schriftsteller und Brieffreund. Auf meiner Internetseite „Presse und Öffentlichkeitsarbeit“ habe ich ihn vorgestellt. Er ist ein brillanter Poet und Lyriker. Ihn hier in seiner Heimatstadt einmal besuchen zu können, war mir ein großes Anliegen. Leider hatte das Wetter auf dem Weg zu ihm nicht mitgespielt, und so stand ich gegen Nachmittag pitschnass und total durchgeregnet vor seiner Haustüre. Georg und seine liebe Frau empfingen mich unkompliziert und herzlich. Ich kannte Georg seit 7 Jahren aus einem intensiven Briefwechsel. Beim gemütlichen Tee hatten wir Gelegenheit, uns nun endlich persönlich kennen zu lernen und Gedanken auszutauschen. Georg zeigte mir seine Dichterwerkstadt und sein eigenes kleines Tonstudio. Mit CDs und Büchern beschenkt, verließ ich am Abend Traunreut und radelte zurück nach Matzing, wo ich noch einmal eine Nacht in der phantastischen Kellersuite von Thomas bleiben durfte, bevor ich am darauffolgenden Tag von Traunstein, im Besitz eines schönen München-Tiket, mit dem Zug nach Salzburg sauste.
Mit dem Rad hätte man das sicher auch radeln können, doch am Sonntagabend war ich ja schon mit meiner ersten Münchner Dachgeberin verabredet. Zu dieser ungeplanten Fahrt habe ich mich über Nacht entschlossen. Nun bin ich schon mal gut 40 km von Salzburg entfernt und ich käme nicht hin? Undenkbar!
Wenn ich an diese kleine Zugfahrt nach Salzburg zurückdenke, erinnere ich mich an die Berge, an denen ich mit dem Zug so nah vorbeifuhr, dass ich sie fast mit der Hand hätte berühren können. Ein unglaubliches Gefühl für jemanden wie mich, der die Berge nur aus den Urlaubsprospekten oder Filmdokumentationen kennt. Vor diesen riesigen Bergen und Felsen fühlte ich mich wie ein Winzling.
In Österreich angekommen, erwartete mich ein traumhaft herrlicher, sonnenverwöhnter Sommersonntag an der Salzach, der Fluss, auf dem das „weiße Gold“, das Salz der Berge, jahrtausendelang in alle Welt hinausbefördert wurde. Den heutigen Wohlstand und die Pracht der Mozartstadt verdankt Salzburg ihrem Salzabbau des frühen Mittelalters. Auf dem Mozartsteg machte ein Tourist ein Foto von mir und meinem Rad: im Hintergrund mir die Festung der Hohensalzburg, „die größte vollständig erhaltene Burg Mitteleuropas“ und unter mir die Salzach. In der Altstadt lief ich natürlich auch durch die berühmte Getreidegasse, denn hier steht das Geburtshaus von Mozart, die jedoch auf Grund der Salzburger Festspiele total überfüllt war. Die Ursprünglichkeit vieler sehr enger und schmaler Sackgassen konnte ich bestaunen. Ebenso die herrlichen Innenhöfe mit Säulen, Wölbungen Reliefs und Marmorbrüstungen und Hausportale. Anschließend radelte ich auf Promenade an der Salzach entlang. Schnell, viel zu schnell verging dieser schöner Kulturtag.
Um 17 Uhr fuhr mein Zug zurück nach München. Hier sollte ich nun 14 Tage bleiben, und ich freute mich auf diese radlerfreundliche Millionenmetropole. Am Bahnhof dieser Stadt, voll mit ausländischen Urlaubern aus aller Welt, ging ich in die Touristen Informationsstelle. Dort kaufte ich mir einen Plan von München und packte noch jede Menge kostenlose Prospekte in meine Lenkertasche. Quer durch die Metropole Münchens zu radeln, zugegeben, war am ersten Abend nicht so ganz einfach für mich. Doch danach, am Isarkanal entlang, radelte ich vergnüglich zu meiner ersten Münchener Dachgeberin Gertrud. die mich von diesem erlebnisreichen Tag total erschöpft, bei sich liebevoll aufnahm. Jetzt begann der zweite Teil meiner Radtour. Einen gemütlichen Abend durfte ich mit Gertrud bei Kerzenschein auf dem Balkon verbringen, bevor ich müde aber glücklich, dass ich nun in München war, ins Bett fiel. Der erste Münchentag begann mit Ausschlafen und einem ausgiebigen Frühstück.
Heute wollte ich mich erst einmal mitten in das Münchner Innenstadtleben stürzen: den farbenprächtigen Viktualienmarkt bestaunen, am Marienplatz das Glockenspiel der Rathausuhr bewundern und weiter zur Maximilianstraße, zum Königsplatz und zur Residenz radeln. Natürlich machte ich auch einen Abstecher in das Künstlerviertel Schwabing“, zur Oper und zum Hofbräuhaus. Da hier meine Dachgeber weit verstreut wohnen, gab es kaum einen Fleck, wo ich nicht herumradelte....
Gernot ist auch Dachgeber und außerdem noch Hobbyastronom. Er nahm mich an diesem Abend nicht nur zu sich auf, sondern arrangierte eine Extraführung auf der Bayrischen Volkssternwarte München und stellt mich dem Leiter des Plenariums, Claus-Peter Heidmann, vor. Hier konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Observatorium bestaunen und mit verschiedenen Vereinsmitgliedern sprechen, die sich hier in der astronomischen Bildungsstätte auch ihre Beobachtungsgeräte selber bauen. Ein wirklich interessantes Hobby.
Weil noch kurzfristig ein Dachgeber in München absagte, entschloss ich mich zu Petra zu fahren. Sie war eine Schulfreundin meiner ältesten Tochter und hat nach München geheiratet. Sie bot mir ganz spontan die dritte Nacht in München an. Sie wohnt in Gronsdorf zu Haar, etwas außerhalb des Stadtkerns. War das ein genussvolles Radwandern: erst an den Isarauen entlang und dann quer über den Ostpark Münchens. Der Himmel hielt sich zwar bedeckt, doch es war nach wie vor warm. Ab und zu lugte auch mal zur Abwechslung die Sonne hervor. Die Umgebung Münchens ist mit unendlich vielen Radwegen bestückt; manchmal auch neben einer weniger starkbefahrenen Verkehrsstraße. Für mich, da ich fremd war, entdeckte ich hinter jeder Abbiegung etwas Neues. Hier spielte nicht mehr das Ziel die ausschlaggebende Rolle, sondern nur noch ganz allein mein Radlererlebnis. Wie ich das genossen habe, kann ich nicht beschreiben. Bei Petra und ihrer Familie ließ ich auch einen großen Teil meines Gepäcks; etliche Ausrüstungsgegenstände und auch das Zelt, weil ich es hier in München nicht mehr brauchte. Eine Waschmaschine voll frischgewaschener Wäsche von mir hing gegen Abend schon in der Abendsonne. Ein “Weihnachtsessen“( Rotkohl, Braten und Klöße) gab es zur Feier des Tages. Ich hatte Petra schon viele Jahre nicht mehr gesehen. Früher, als meine Töchter noch zur Schule gingen, war sie oft bei uns zu Besuch.
Mit wesentlich weniger Gepäck ging es dann am Tag darauf noch einmal mit viel Zeit auf den herrlichen Radwegen durch den 375 Hektar großen Englischen Garten. Gegen Nachmittag bummelte ich durch die City von München. Ich schaute den Straßenmalern zu und setzte mich ins Straßenrestaurant, um Ansichtkarten zu schreiben. Abends radelte ich zu Bernward, der ganz in der Nähe des Hirschgartens wohnt.
Hier blieb ich die Nacht, bevor ich am nächsten Tag zum Olympiaparkgelände in den Norden von München aufbrach. Nur wohin mit dem Rad? Ich konnte es doch nicht irgendwo abstellen. Die Sekretärin des Geschäftsführers des Olympiaparks, Frau Costa, wusste Rat. Mein Rad wurde von ihr gut weggeschlossen. Ich hatte sogar Gelegenheit, mich noch mit dem Geschäftsleiter Wilfried Spronk zu unterhalten. Er hat weltweit Kontakte und bot mir an, diese für mich zu mobilisieren, wenn ich auf Welttour bin. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Frau Costa sponserte mir noch die Eintrittskarten für den Olympiaturm und das Stadion. Nun hatte ich den ganzen herrlichen Tag Zeit, mir das Gelände anzuschauen; bei herrlichem Wetter darin herumzuspazieren und Fotos zu machen. Vom Olympiaberg aus hatte ich einen herrlichen Blick auf den See und vom Olympiaturm genoss ich einen Rundblick aus 291m Höhe über ganz München.
Abends wurde ich von Christoph, meinen fünften Dachgeber in München, zum Griechen eingeladen. In seinem Büro konnte ich nächtigen. Er bot mir seine U-Bahnkarte für den nächsten Tag an. Ich konnte mein Rad in seinem Keller lassen und einen ganzen Tag mit Bus, Straßenbahn und U-Bahn in München herumfahren. Erst fuhr ich zum Bahnhof und besorgte mir schon die Fahrkarte nach Freiburg. Und da es sehr nach Regen aussah, entschloss ich mich dem Deutschen Museum einen Besuch abzustatten. Dieses Museum präsentiert die technisch-naturwissenschaftlichen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte. Als eines der weltweit größten Museen vermittelt es seit mehr als 100 Jahren die Faszination von Technik und Wissenschaft. Ich hätte mich tagelang darin aufhalten können und immer noch nicht alles gesehen. So beschränkte ich mich auf das, was mich besonders interessierte: zum Beispiel, die Sonderausstellung zu den menschlichen Ersatzteilen. Auch die Raumfahrt interessierte mich sehr und ebenfalls den Werdegang der Druckerei bis zum Computerzeitalter.
Spätnachmittags fuhr ich zu Christoph zurück und dann weiter mit meinem Rad zum nächsten Dachgeber zu Bernd. Bernd wohnt in einer WG und war nicht zu Hause. Ich bekam sein Zimmer. Am nächsten Morgen, als ich das Haus verließ, konnte ich ihn noch treffen und kurz mit ihm reden.
Mein heutiger Dachgeber wird Elmar mit seiner Familie sein, der mir am Abend auch noch eine weitere Übernachtungsmöglichkeit für den zwölften August zusagte, weil, der für diesen Tag geplante Dachgeber, schon auf seinen Urlaubskoffern saß. Elmars Frau stellte mir ein hübsch hergerichtetes, außergewöhnlich schönes Dachapartment für mich ganz alleine zur Verfügung.
Vorher aber machte ich eine für Heute geplante Sonderradtour zur Allianzarena. Hier findet 2006 die Fußballweltmeisterschaft statt. Sie befindet sich etwas außerhalb, ganz oben im Norden von München: eine Wegstrecke stückweise durch die Stadt, teils auch durch Felder und Wiesen. Weiße Schleierwolken hingen am Himmel. Vor dem riesengroßen Stadion graste friedlich eine Herde Schafe. Ein Kontrast, der mir ins Auge fiel, den ich erst einmal fotografieren musste. Mein Fahrrad wurde am Eingang vom dortigen freundlichen Wachpersonal beaufsichtigt, und so konnte ich mir in aller in Ruhe das riesige Gelände und das schöne neue Fußballstadion anschauen. Die Führung hierzu bekam ich geschenkt. Ein merkwürdiges Gefühl ist es, erst unten auf dem Spielfeld und später in schwindelerregender Höhe in den Rängen zu stehen. Für diesen Koloss hat sich München wirklich etwas kosten lassen. Während der Führung konnten wir die Räumlichkeiten und Umkleidekabinen der Spieler anschauen. Oben in einem riesengroßen Shop bekommt man alles zu kaufen, was das Fanherz begehrt.
In der Studentenstadt wohnt Kathrin, die mich am 8. August zu sich einlud. Eine traumhafte Radtour gönnte ich mir heute. Ich wollte einmal vom Tierpark Hallabrunn, immer entlang der Isar, bis zum Hölzernen Steg radeln und dann durch den Englischen Garten in die Studentenstadt hineinfahren. Katrin studiert Tiermedizin und hatte am Tag, als ich ankam, gerade eine wichtige Prüfung bestanden. Nun galt es diese bestandene Prüfung beim gemeinsamen Abendessen mit anderen Studenten und mir noch zu feiern. Katrin überließ mir ihre Studentenbude für die Nacht. Am nächsten Morgen gingen wir in eine universitätseigene Bäckerei, wo wir gemeinsam frühstückten. Katrin erklärte sich bereit, mir für die Weltreise Übersetzer für die Startseite zu organisieren. Das ist für mich natürlich sehr wertvoll, und ich bin Katrin sehr dankbar für ihre Hilfe.
Ich machte mich auf den Weg, wieder entlang der Isar, Richtung Geiselgasteig. Hierher musste ich mich oftmals unter die Überdachungen der Bahnhalteplätzen stellen, denn zwischendurch regnete es Bindfäden.
Im Süden von München liegt die Bavaria Filmstadt. Hier konnte ich mir einen Nachmittag lang das hochinteressante Filmgelände anschauen. Der legendären Film Das Boot wurde hier gedreht, und ich konnte das U-Boot besichtigen. Einer Stuntmanshow durfte ich beiwohnen und mich einer Gruppe anschließen, die über das gesamte Gelände geführt wurde. Die Eintrittskarten wurden mir vom Veranstalter geschenkt.
Abends radelte ich zu Stefan in die Stadt. Der wohnt in einem Münchner Hochhaus mit über 800 Wohnungen im 9. Stockwerk. Frühmorgens konnte ich den Aufgang der glutroten Sonne über Münchens Dächern betrachten, während wir auf dem Balkon frühstückten Stefan schenkte mir eine Stirnlampe für meine Welttour. Wir haben uns richtig gut verstanden.
In der Nähe der Bundes-Gartenschau wohnt in einem schönen Reihenhaus Thomas, der mir für Heute ein Nachtlager bereitete. Doch tagsüber verbrachte ich einen besonders hochsommerlichen Tag auf der hier in der Münchner abgelegenen Gegend der Bundes Gartenschau. Die Pressereferentin, Frau Pintscher, machte für den Münchner Merkur ein Foto von mir und meinem Weltreiserad; spendete mir den Eintritt und verschloss meinen “Benne“. Ein buntes Blumenmeer schmückte den BUGA-Eingang. Hunderte verschiedenartiger Blumen und Pflanzen wachsen hier für Menschen, die sich einen “Aus-Tag“ vom Alltag gönnen. Auf einer Strecke von 2.900 m, (28 Meter hoch) schwebt über alles erhaben, eine Seilbahn. Sie bot mir einen Panoramablick bis zu den Alpen und eine phantastische Aussicht auf den Münchner Horizont. Der Veranstalter, Herr Rasp, meinte nur, dass er mir allzeit einen harten Hintern wünsche und ließ mich eine Runde kostenlos gondeln. Dabei konnte ich mir ein Bild machen, wie gewaltig und gigantisch das BUGA-Gelände war. Ich schaukelte über Senkgärten und kreisrunde Blumenhallen, schaute auf ein Zellengartennest. (Ein Erlebnis zur Gewinnung von Perspektive, bestehend aus riesigen Baumstämmen, die von oben wie unberankte Bohnenstangen ausschauten in dem überdimensional weiße Eier platziert lagen) Am Eingang SÜD, zwischen den Blühfeldern, stand ein deutscher Pavillon. Am Eingang WEST liegt das Kulturforum. Nicht weit vom Pressepavillon befindet sich das Sportforum: alles Bauwerkstätten, die ich mir anschaute, bevor mir die Füße von den immensen Strecken, die man hier auf breit angelegten Wegen zu Fuß bewältigte, schmerzten. Den Ort der Weltreligionen, wollte ich mir später, wenn ich wieder Erde unter den Füßen hatte, noch genauer anschauen- dachte ich mir. Die Gondel schwebte über die Seebühne am BUGA-See. Das ganze Gartengelände war überall reichlich mit bequemen Sesseln bestückt. Dieser ungewöhnlich mächtige und künstlich angelegte BUGA-See, in dem man auch baden durfte, diente den BUGA-Gästen zur Erholung. Überall, auch im Seepavillon, bot München einen Sommer lang Veranstaltungen und Programme von unterschiedlichster Art an. Mit der Rikscha hatte ich mich bis zum See fahren lassen und bin dann um den See herumgelaufen; habe einen Sessel ins Wasser gestellt, um meine Füße abzukühlen. Der Pavillon der Weltreligionen beeindruckte mich in seiner Idee, das auszudrücken, was alle Religionen verbindet. Kreisförmig angelegte Steinmonumente, für jede Religion eine. Hier unter freiem Himmel fand am späten Nachmittag eine Veranstaltung über das Judentum in Deutschland statt. Mich hat die Gartenschau enorm angesprochen, und wenn ich mir nicht noch mehr von München hätte anschauen wollen, dann wäre ich bestimmt noch einmal hier hergekommen. Doch das Gelände bleibt den Münchnern erhalten und wird auch nach der Gartenschau weiterhin vielen Einheimischen und Touristen zugänglich bleiben, auch für mich. Man sollte nie NIE sagen!
Detlef ist Postbeamter und bot mir am elften Tag meiner Münchenzeit ein Nachtlager in seinem Büro. Einen warmen und sonnigen Sommertag verbrachte ich am nächsten Tag am Unterföhringer See. Hier traf ich einen wirklichen Sportler, der mir einen Krug schaumiges Bayrisches Weißbier spendierte. Mit diesem Radrennradfahrer, der täglich 200km trainiert, führte ich ein entspanntes Gespräch. Hut ab! vor soviel Sportlichkeit. Danach suchte ich mir ein schattiges Plätzchen auf dem Rasen am Naturbadestrand und hielt ein Schläfchen, bevor ich über die Medienstraße zu Detlef in den Stadtteil Harthof radelte.
Im Westen Münchens liegt in weitläufiger Parklandschaft die Sommerresidenz der Bayrischen Kurfürsten; Schloss Nymphenburg. Hier konnte ich mir einen Tag vor meiner Abreise nach Freiburg noch das ausgiebige Schlossmuseum mit seinen ehemaligen Hofstallungen, den Prunkwagen und die Krönungskarosse des Kaisers Karl VII anschauen. Der Bayernkönig Ludwig II. wurde in diesem Haus geboren und im berühmten Steinernen Saal getauft. Bedeutende Kunstsammlungen und Einzelkunstwerke sowie auch die Nymphenburger Porzellansammlung findet man in den Residenzräumlichkeiten ausgestellt. Alle Zugänge wurden mir großzügig vom Hause gespendet.
Der dreizehnte Juli 2005, war der letzte Tag für mich in München. Petra brachte mir mein Restgepäck zu Nicola, die mir in ihrer Küche Gelegenheit zur Übernachtung anbot. Bei Nicola bepackte ich mein Rad wieder komplett und fuhr in aller Herrgottsfrühe am nächsten Morgen, gegen fünf in die Innenstadt zum Hauptbahnhof. Mein Zug rollte schon sehr zeitig um sieben Uhr, mit mir und “Benne“ Richtung Freiburg. Seit geraumer Zeit gibt es keinen durchfahrenden Zug mehr dorthin; so dass ich zweimal umsteigen musste.
In Freiburg dennoch angekommen, bot sich mir hier eine total andere Perspektive als die von München. Hier im Südschwarzwald liegt die sogenannte badische „Öko-Hauptstadt“: die „Breisgau-Metropole“, in paradiesischer Lage als Verkehrs- und Knotenpunkt, zwischen Basel und Offenburg direkt an der Dreisam. Zwischen der sanfthügeligen Reblandschaft des Kaiserstuhls und dem angrenzenden Schwarzwald liegt die Universitätsstadt eingebettet mit teilweise mediterranem Klima. Jeder Bach heißt hier Bächle und jede Gasse, Gässle. Genauso habe ich mir dieses bunte und turbulente, vom internationalem Flair angehauchte Traumstädtchen, immer vorgestellt. An der Dreisam entlang radelte ich, nachdem ich mich an einem Straßenkiosk mit Kaffee erfrischte und mich mit einem Stadtplan ausrüstete, Richtung Ebnet an der Eschbach. Hier wohnt Adda, die mich heute Nacht beherbergen wollte. Adda ist nicht nur Dachgeberin, sondern auch eine begnadete Malerin, deren Originalwerke ich noch am letzten Tag vor meiner Abreise nach Trier bewundern konnte. Sie wusch eine Maschine Wäsche von mir und zeigte mir am Computer ihre Bilder. Am nächsten Morgen war es mir bis mittags nicht möglich, ihr Haus zu verlassen, denn es goss in Strömen. Trotz des Regens machte ich mich um 12Uhr auf in Richtung Freiburg. Die Radsportmetropole Freiburg zählt zu den fahrradfreundlichsten Städten Deutschlands. 450 km Radwegnetz, 4.600 Fahrradstellplätze (Parkhaus) und eine am Hauptbahnhof für 1000 Drahtesel. Eine überdachte und bewachte Radgarage ist Beispiel dafür, dass die Stadt Freiburg Radfahren nicht nur für gesund, sondern auch unterstützenswürdig für seine Bürger und Besucher hält. „Die Tour de France“ radelte am 9. und 10 Juli. vor den Toren dieser Stadt. Ich stürze mich in voller Montur mitten ins Touristengewimmel. Von allen Seiten wurde ich angesprochen; was ich denn hier mit dem vollgepackten Rad wolle, wo ich her käme und wohin ich wolle? Ich schob “Benne“ vorbei an Geschäften und Raststätten an die Fischerau, dem alten Gewerbekanal, und pausierte in einem Straßencafé.
Draußen nieselt der Regen. Unter einem Schirm sitzend schrieb ich Ansichtskarten und seufzte Stoßgebete in den Himmel: es solle doch bitte nicht die ganze Woche regnen. Bei der Freiburger Touristeninformation kaufte ich mir einen Schwarzwald-Reiseführer und machte mich schlau über die Sehenswürdigkeiten dieser Region.
Mitten in Freiburg lebt die Wohngemeinschaft von Ullrich, dem ich mich für heute Nacht anvertraute. Er schleppte meinen “Benne“ in den Keller, trug mein Gepäck in sein Zimmer und gab mir den Haustürschlüssel. Zu Fuß konnte ich nun am Abend nochmals durch Freiburg gewandert. Im Herzen der Fußgängerzone, der Haupteinkaufsstraße, marschierte ich zum Rathaus. Hier fotografierte ich zwei Zimmerleute mit meinem “Benne“, die sich auf der traditionellen Gesellenwanderschaft auch Walz genannt- befanden. Nach altem Brauch (Zunft) müssen die unverheirateten Zimmerleute auf Schusters Rappen mit ihrem Scharlottenburger Bündel (die einzige Kleidung) und einem Stenzel (Wanderstab) drei Jahre und einen Tag unterwegs sein. In einem Wanderbuch müssen alle Arbeitgeber, die Orte, und die Art ihrer Tätigkeit eingetragen werden.
Eine Figur von Berthold Schwarz, der Mönch, der in Freiburg das Schwarzpulver erfand, steht auf dem Rathausplatz. Das Martinstor ist das Wahrzeichen der Stadt und auch Pforte zu den idyllischsten Ecken der Freiburger Altstadt. Im fließendem Wasser der Stad-Bächle standen barfuss planschend kleine Kinder in der Abendsonne. Dieser idyllische Eindruck ließ sowohl Schwermut als auch Melancholie in mir aufkommen. Mit leiser Wehmut im Herzen saß ich später mit den freundlichen Leuten der Wohngemeinschaft am Abendbrottisch und noch später am PC von Ullrich. Hier konnte ich meine Email öffnen und beantworten, bevor ich vom Fußmarsch ermüdet auf einer mir angebotenen Matratze fest einschlief.
In mein Aktionsbüchlein schrieb ich den 16. August 2005. Heute sollte das Wetter besser werden, und so unternahm ich eine Radtour zum Moosweiher und zurück, immer entlang der Dreisam über Lehen und Betzenhausen zum Mooswald und Seepark des Flückigersees.
Auf dem Weg zu meinem Dachgeber kam ich bei am Freiburger Pressehaus Vorbei. Hier wurde noch ein Foto für den Freiburger Wochenbericht gemacht. Ganz in der Nähe wohnt hier Birgit, die mir für Heute und den 19. August Dachgeberin sein wird. Sie bot mir ein komfortables Gästezimmer; hatte aber aus beruflichen Gründen leider kaum Zeit zu einem längeren Gespräch mit mir. Als Projektmanagerin der Uni Freiburg erwartete sie eine anstrengende Woche.
Am 18. August fuhr ich mit dem Zug zum Titisee, den ich anschließend mit meinem Fahrrad umrundete. Ich hatte mir diesen berühmten See viel größer vorgestellt. Da von hier aus der 40 km lange Weg nach Freiburg zurück, nach Angaben der hier wohnenden Leute, nur bergab gehen sollte, entschloss ich mich diese Tour zu radeln. Und ob sie bergab ging. Über Höllensteig und Hirschsprung durchs Höllental, vorbei an der Gemeinde Buchenbach im Hochschwarzwald. Eine faszinierende Gegend. Ein entzückendes Aaah und Oooh raunte sich mir von den Lippen. Ein unglaublich in diese Landschaft eingebundenes Gefühl ließ mich die Hügel hinuntersausen. Mit klarem Verstand hätte ich diese senkrechte Straße nicht befahren. Wieder an der Dreisam entlangfahrend, sah ich Leute, die bei diesem herrlichen Wetter ihren Tisch und ihre Bänke in den Fluss gestellt hatten und dort Schach spielten. Das Bier stand in Flaschenkästen schön kühl gehalten in der Dreisam. Andere Leute wiederum durchwarteten die kniehohe Dreisam und suchten nach Kieseln, die sie zu kleinen Steinpyramiden übereinander stapelten. Es ist entspannend, dieser friedfertigen Freizeitgestaltung zuzuschauen, während ich, wie viele andere Leute am Fluss, im Gras lag und mich sonnte.
Der Diesterbachsee, nicht weit von Rieselfeld entfernt, er war heute meine letzte Station bevor ich zu Markus, meinem heutigen Dachgeber, radelte. Markus und seine Familie sind mir irgendwie ans Herz gewachsen. Vielleicht lag es daran, dass ich hier dreimal übernachtete. Markus Frau ist Wissenschaftlerin. Ihre zwei ältesten Kinder waren im Urlaub bei der Oma. Für das süße Baby spielte ich die Ersatz-Omi.
Ohne Rad, jedoch mit Straßenbahn und Bus machte ich mich am nächsten Tag in Richtung Günterstal zur Schauinsland-Bahn auf den Weg. Mit dieser längsten Kabinenumlauf-Seilbahn (3,6 km) ist Schauinsland eines der beliebtesten und bekanntesten Urlaubsziele dieser Region. Zum Freiburger Hausberg geht es 20 Minuten lang, mit etwas Kribbeln im Bauch und einen Höhenunterschied von 746 Metern, 1.284 m hoch. Oben angekommen hat man einen herrlichen Panoramablick auf Freiburg und die Rheinebene, bis hin zu den Vogesen und über die göttliche Landschaft des Hochschwarzwaldes bis zum Feldberg. Im Süden reicht der Blick bis zu der faszinierenden Silhouette der Schweizer Alpen. Der Betreiber der Seilbahn garantierte mir Frische Luft und einen grandiosen Ausblick und spendete mir die Gondelfahrt. Hier oben bin ich noch stundenlang spazieren gegangen und spuckte gedanklich einmal kräftig hinunter auf den Rest der Welt! Das Wetter war wunderbar und die Aussicht atemberaubend. Am späten Nachmittag setzte ich mich draußen in das Café der Bergstation und schrieb Ansichtskarten an meine Enkel, bevor ich zur Talfahrt wieder die Gondel bestieg.
Noch zwei Tage Freiburg, dann geht es laut Plan weiter mit dem Zug nach Trier. Trier wird meine letzte Station auf dieser Deutschlandtour sein. Gern wäre ich in Freiburg noch länger geblieben, doch meine Dachgeber in Trier meldeten sich schon über Handy und fragten nach meinem Kommen.
Weil das Wetter so schön war, radelte ich noch zum Opfinger See. Hier war für mich ein Badetag angesagt, den ich aus vollem Herzen genoss. Der 20. August war ein ausgesprochener Regentag. So fuhr ich zum Freiburger Radgeber, die Servicestation die mir PATRIA empfahl, um für den Endspurt nochmals mein Rad überprüfen zu lassen. Die Radgeber haben ihr Geschäft im Radparkhaus in der Nähe des Bahnhofes. Mit dem Lastenaufzug musste ich zu ihnen hinauf und später auch wieder runtergefahren werden, denn nicht einen Meter hätte ich mein beladenes Rad die steilen Treppen hoch tragen können.
Am Sonntag, dem 21. August, radelte ich in aller Frühe von Rieselfeld zum Bahnhof und saß etwas später im Zug nach Konz. Konz liegt am Zusammenfluss von Saar und Mosel und ist ein Nachbarort von Trier. Als ich am späte Nachmittag dort ankam, versuchte ich mich ohne Plan ortskundig zu machen, in dem ich in ein am Bahnhof liegendes Gasthaus ging und nach der Straße fragte, in der meine Dachgeberin hier wohnen sollte. Es war Sonntagabend und nirgendwo hätte ich hier einen Stadtplan kaufen können. Doch der Gastwirt wusste wo ich hin wollte und erklärte mir den Weg. Eine halbe Stunde bin ich bis dort hingeradelt, habe problemlos die Straße gefunden und bei Angelika geklingelt. Sie ist eine Freundin von Elisabeth, die mir ursprünglich für diese Nacht eine Bleibe geben wollte. Aus Gründen ihrer Abwesenheit nahm nun Angelika sich meiner an. Ich erlebte mit ihr noch einen supernetten Abend, bevor ich mich nach einem ausgiebigen Duschbad im Gästezimmer ausbreiten konnte.
Der nächste Tag war damit ausgefüllt, dass ich entlang der Mosel zum 12 km entfernten Innenstadtbereich von Trier radelte und mir in der Nähe der Porta Nigra, einem ehemaligen Stadttor, am Touristeninformationsstand, Stadtplan und Stadtführer kaufte. Nun war es nicht mehr schwer, mir eine kleine Zeitreise durch Trier zu gönnen. Da ist zunächst der Hauptmarkt, ein architektonischer Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins, wo das Leben international pulsiert. Nun ging ich zum Dom St. Peter, der den heiligen Rock (die Tunika Jesus Christus) und die bekanntesten christlichen Reliquien beherbergt. Auch die Basilika,(ehemalige Empfangshalle der römischen Kaiser) und das Amphitheater, indem die Kämpfe der römischen Gladiatoren stattfanden habe ich gesehen. Weiterhin habe ich mir die Kaisertherme, ein römisches Badehaus erst einmal von außen angeschaut. Von innen konnte ich dieses aber erst später bei einem geführten Stadtrundgang besichtigen, den mir die Stadt Trier spendierte. Trier liegt an der Mosel und hat als älteste Stadt Deutschlands eine gut 2000jährige Geschichte. Neun ihrer Bauwerke wurden in die Liste der Weltkulturgüter der UNESCO aufgenommen. 1993 hat man in Trier den bislang größten Goldmünzenschatz aus der Römerzeit gefunden. Auch Juden haben hier ihr Händlerdasein gefristet; die Judengasse gibt es noch heute. Der Anbau von Reben im Moselland ist römischen Ursprungs. Überall entlang der Mosel gibt es hier Weinbauern.
Montag, Dienstag und Mittwoch sollte ich in Gusterath bei Karsten und seiner lieben Familie übernachten. Ich wusste nicht, wie hoch es hier hinauf in die Berge ging. Erst als mir ein Trierer sagte, dass ich das vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr schaffen würde, und das beladene Rad nur schieben könnte, entschied ich mich, noch den letzten Bus zu nehmen. Oh Gott! Ein total überfüllter Bus und ich mit meinem Rad. Doch ich hatte Glück, der Busfahrer hatte mein Gepäck, welches ich unter die Sitze packte, nicht gesehen und ließ mich noch einsteigen. Das Bergdorf Gusterath besteht nur aus Hügeln und Hängen. Karsten ist freiberuflicher Theaterregisseur. Seine Frau stammt aus Bielefeld, meiner Heimat, sodass wir schon aus diesem Grunde allein eine total unkomplizierte Tuchfühlung zueinander fanden. Ihre kleine zweieinhalbjährige Tochter ist das Herzstück der Familie. Im Wohnzimmer wurde mir für die nächsten 3 Nächte eine sehr bequeme Bettcouch ausgezogen.
Am Dienstag traf ich mich schon um 10 Uhr mit Jürgen Backes, dem stellvertretenden Amtsleiter des Presseamtes der Stadt Trier. In seinem Büro konnte ich mit ihm ein interessantes Gespräch führen. Er erzählte von Trier und ich von meinem Weltreisevorhaben. Mit einem schöne Bildband ausgerüstet und gespendeten Stadtführungskarten machte ich mich gegen Mittag auf, um eine längere Radtour entlang der Mosel zu machen. Hierbei traf ich auf eine Gruppe von 4 Frauen, die aus Traunreut kamen und 10 Tage entlang der Mosel radeln wollten. Wie klein doch die Welt ist; dachte ich: sie kannten Georg Ihmann persönlich und liebten seine Werke. Das Wetter war leider nur durchwachsen: mal etwas Sonne, mal Bewölkung, mal Regen.
Saaraufwärts, entlang herrlicher Weinberge, radelte ich anschließend in die Urlaubsregion: in das mittelalterliche Städtchen Saarburg. Bunte Fischer und Schifferhäuser liegen hinter einer Hochwasserschutzmauer, direkt an der Saar. Man schaute auf eine auf eine auf Felsen gebaute SaarBURG. Ich überquerte die Saarbrücke und schob mein Rad den Berg hinauf in die mittelalterliche Altstadt. Hier konnte ich das imposante Schauspiel der 20 Meter tief hinhababstürzenden Wassermassen erleben. Mit Hilfe der Wasserkraft wurden einst die Wasserräder der Stadtmühlen betrieben. Ein liebevolles Städtchen, dessen Flair mir sehr zusagte, bleibt mir in guter Erinnerung. Meine kleine 50 Kilometertour endete mit einem gemütlichen Plauderabend im Hause meiner Dachgeber.
Donnerstag war der Tag, an dem ich die Kaisertherme durch einer Stadtführerin (von innen, oder besser gesagt von unten) zu Gesicht bekam. Sie liegt nicht weit vom Amphitheater entfernt. Unglaublich, was es in den römischen Kellergewölben alles zu bestaunen gab. Die ausgegrabene römische Badeanstalt (ehemaliges Reinigungshaus) mit sorgfältig erhaltenem Warmluftbad, ist ein weitverzweigtes, teilweise zweistöckig ausgebautes unterirdisches System. Durch zahlreiche Bedienungsgänge kann man das Gewölbelabyrinth bewundern. Ich hatte derartiges in meinem Leben noch nie gesehen und mir imponierten diese so guterhaltenen historisch wertvollen Gemäuer sehr.
Eine richtige kleine mittelalterliche Spielstadt hat man, im Rahmen des Trierer Sommerferienprogramms, auf der Wiese neben der Kaisertherme aufgebaut. Verkleidet, wie zur Römerzeit, spielten Kinder, und Jugendliche und Erwachsene das Leben der damaligen Zeit nach. So sah man: Handwerker (Schneider Schuhmacher), Händler (Marktteiben), Wirte und alte Gasthäuser, Künstler Gaukler, Theahervorführungen und Gerichtsverhandlungen. Kostenlos durfte hier in der Spielstadt jeder mitwirken, der Spaß daran fand. Eine sehr lehrreiche und schöne Idee, die in Zusammenarbeit von „Mobile Spielaktion e. V“. und der Jugendstadtpflege entstand.
Am Donnerstag war das halbwegs schöne Wetter vorbei. Regen, Regen, Regen. Kurzerhand entschloss ich mich vorzeitig zur Rückreise. Da der Wetterbericht kein besseres Wetter vorhersagen konnte nahm zwei Tage früher als geplant, noch gegen Abend den Zug nach Bielefeld. Auch hier angekommen, regnete es in Strömen, so dass mein Schwiegersohn Kai mir über Handy sein Erbarmen kundtat. Ich brauchte nun nicht zu mitternächtlicher Zeit noch eineinhalb Stunden durch den Regen radeln. Er holte mich am Bahnhof Bielefeld mit seinem Bulli ab, mein Rad und das Gepäck lud er ein und brachte mich heil nach Bad Salzuflen, zu mir nach Hause.
Abschließend möchte ich nur noch erwähnen, dass ich all das, was ich erleben durfte, zum größten Teil meinen ADFC-Dachgeber zu verdanken hatte. Durch ihre liebe Aufnahme, Versorgung und Zuwendung war es mir überhaupt nur möglich, über einen so langen Zeitraum durch Deutschland zu radeln. Teure Unterkünfte hätte ich mir nicht leisten können. Ihnen allen sei herzlich gedankt!
Diese Tour hat mich für jahrzehntelangen Reiseverzicht verschwenderisch entschädigt und sehr glücklich gemacht. Wer nun auch einmal eine solche unbeschwerte Radreise radeln möchte, sollte sich beim ADFC Dachgeber anmelden. Das kann man bei Wolfgang Reiche übers Telefon
Tel. 0421 / 758 90 oder übers Internet mit einer Email tun: Kontakt@dachgeber.de oder über den Postweg bei ihm anmelden
Manteuffelstr. 60
28203 Bremen.
Die jährliche Schutzgebühr kostet 12,-€ und eine einmalige Aufnahmegebühr beträgt 1,50€. Dafür erhält man einmal jährlich ein Mitgliederverzeichnis.
Auf dieser Seite möchte ich noch einmal betonen, dass ich auch Mitglied der Deutschen Zentrale für Globetrotter e. V. bin. Das ist wichtig, wenn man in der Welt herumreisen will.
Die Deutsche Zentrale für Globetrotter hat dazu ein wichtiges “Selbstreise-Handbuch“ herausgebracht, welches im PETER MEYER VERLAG erschienen ist. Norbert Lüdtke (dzg) hat es erstellt.
Die Mitglieder des Vereins helfen einander bei der Vorbereitung von Fernreisen: zu Land, zu Wasser, in der Luft, zu Fuß, per Rad, per Auto, per Zug. Er dient dem völkerverbindenden Gedanken. Wer mehr darüber wissen will, sollte sich übers Internet beim Vorstand: Norbert Lüdtke melden. Tel. 0700 / 45 62 38 76
Seine Email lautet: vorstand@globetrotter.org,
Die Postanschrift der Globetrotterzentrale lautet:
Deutsche Zentrale für Globetrotter e.V.
Postfach 301033
40410 Düsseldorf


