

He, he!Jetzt darf ich mich aber auch einmal zu Wort melden!
Auch wenn ich noch klein bin, glaubt ja nicht, ich könnte nicht auch gut erzählen. Ich bin Hanna, Omis kleinste Enkelin. Ich gehe schon lange in den Kindergarten. Ich finde das toll, was Omi da macht. Deshalb werde ich Omis Günter, erzählen, was meine liebe Omama mir vor einigen Tagen von "Früher" erzählte. Angefangen von der Zeit, als sie so klein war wie ich es jetzt bin.
Ja, das Wichtigste was die, die das jetzt lesen, von Omis bisherigem Leben erfahren sollten, ist, dass sie 1947, also, in dem zur damaligen Nachkriegszeit nicht gerade wirtschaftswunderlichem Jahr, geboren wurde, und wie viele ihrer Altersgenossen, unehelich.
1952 wurde sie adoptiert und erhielt den Namen ihrer Adoptionseltern.
Ihre frühe Kindheit und spätere Jugend wurde überschattet von den Erlebnissen, die ihr ohne Eltern im Heim widerfahren sind und einem wohl angeborenen, ungebremsten Harmoniebedürfnis.
Ihr erstes Fahrrad bekam sie mit 12 Jahren. Es war ein für sie viel zu großes, altes Rad. Omi konnte damals nur im Stehen radeln.
Ja, unsere Omi erzählte mir, dass sie kein einfaches Kind war. So entsprach sie natürlich auch absolut nicht den Vorstellungen "des lieben Kindes" ihrer Zieheltern, obwohl sie stets darum bemüht war, ihren Wahleltern, die sie ja lieb hatte, keinen Kummer zu bereiten.
Um einmal den Umgang mit Kindern anders zu gestalten, als Omi ihn selbst erleben musste, arbeitete sie später beruflich im Kindergarten. Als sie dann selber Kinder bekam, meine Mami Julia und meine Tante Bettina, entwickelte sich vieles besser, bei ihren zwei Töchtern, die liebevoll und gewaltfrei aufwuchsen, machte sie wirklich alles anders.
Endlich konnte sie einen Teil ihrer Harmoniesucht decken.
Weil mein Opapa, den ich nie kennen lernen durfte, Flachdruckausbildungsmeister war, und er eine Druckerei eröffnen wollte, ging unsere Omi mit 32 Jahren noch einmal zur Schule und erlernte ihren 2. Beruf, Druckformherstellerin. Das war ein graphischer Beruf und sie arbeitete in der Reprofotografie. Das machte ihr sehr viel Freude. Sie fotografiert heute noch gerne und nimmt jede Gelegenheit wahr, uns mit der Kamera festzuhalten.
Doch als meine Mama 9 Jahre alt war, verstarb Omis Mann an einer schlimmen Krankheit. Von da an wurde auch ihr Leben wieder um Einiges beschwerlicher. Wie sie das all die Jahre überstanden hat? Gott sei Dank, sie hat's vergessen, sagt sie heute.
Später hat sie ihre Vergangenheit auch damit aufgearbeitet, indem sie Gedichte verfasste und diese auch in 2 Büchern veröffentlichte.
An und für sich, war Omi eigentlich gar keine so wilde Radfahrerin, denn Schreiberlinge sind von Natur aus Stubenhocker.
Aber die Natur, die mag sie schon sehr, und "Radfahren in der Natur ist einfach nur herrlich", sagt Omi.
Als meine Großmutter dann nach 24 Jahren von Leopoldshöhe nach Bad Salzuflen umzog, lernte sie die Heerser Mühle, ein Umweltzentrum, kennen und half in ihrer Freizeit dort ein Jahr ehrenamtlich mit im Apothekergarten. Sie lernte den Umgang mit wertvollen Heil- und Wildkräutern schätzen, mit denen sie sich heute noch stets versorgt, und sich damit sehr gesund und fit fühlt. Auch wir Enkel gehen ab und zu mit ihr Wildkräuter sammeln. Das macht richtig Spaß.
Irgendwann machte unsere Omi dann einmal eine einwöchige Radtour, mit dem WDR und einem geliehenen Fahrrad mit. Sie schrieb das Gedicht "Sieben Sinneslichter", welches sie einem blinden Tandemfahrer, der mit ihr damals unterwegs war, widmete.
Von da an wollte sie nichts lieber tun, als Radfahren. Sie verkaufte ihr Auto und kam bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zu uns.
Sie machte viele Touren alleine, fuhr aber auch mit ihren Stammtischschwestern oder Freunden durch die Lande. Und dabei besitzt sie bis heute nur ein einfaches 8-Gang Rad.
Doch neulich auf der IFMA, der Fahrradmesse in Köln, begegnete sie ihrem Fahrradbauer, der ihr versprach, nach ihren Bedürfnissen ein Rad für die Weltreise zusammenzustellen.
Doch davon wird mein Cousin Nick berichten.
Und nun läuft der Countdown.
Natürlich wird es sie geben. Die, die die Hände über den Kopf schlagen, die sie um alles in der Welt von derartiger Tollkühnheit abbringen möchten.
• Die, die ihr sagen: "Was, in Deinem Alter?"
• Die, die sich über ihr Wagnis ein bemitleidendes Lächeln abringen.
• Die, die ihr übers Internet schreiben, und Omi eine bequemeres Transportmittel als das Fahrrad anbieten wollen.
• Die, die sie zum Kartenleger schicken, der ihr sagen soll, dass sie das lieber nicht tun soll.
• Und logischerweise gibt es auch uns, mich, meine Mama, Kai, Tante Bettina, Onkel Frank, Celine, Nick, und viele, viele Freunde der Omi, die auch aus nicht ganz unberechtigter Sorge, mit einem lachenden und einem weinenden Auge Omi darum bitten, sich das ganze Husarenstück noch einmal zu überlegen.
Omi sagt nur: Doch!
"Man muss Dinge tun, damit sie geschehen" (das ist ein Wort von Peter Hohl)
Gewiss, ich bin noch so klein, aber ich werde auch mal älter, das dauert gar nicht mehr so lange. Das was Omi da vorhat, ist für mich super spannend, von jetzt, ihrer Vorbereitungszeit an, bis hin zu ihrem Starttag und natürlich bis zu dem Zeitpunkt, da Omi wieder gesund und fröhlich nach Hause kommt.


